Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Copy me! Die Krise der Musikindustrie

Jungle World: Copy me!Die Wochenzeitschrift »Jungle World« hat den aktuellen Schwerpunkt auf die Musik und ihre Reproduktionsformen gelegt. Es sind interessante Beiträge entstanden [via].

Hier eine kleine Komplilation mit Zitaten.

Den mit Abstand interessantesten Beitrag hat Roger Behrens geschrieben: »Autonomes Krisengebiet«. Für ihn spiegelt die Krise der Musikindustrie einen grundsätzlichen Umbruchprozess der Kultur in der Warengesellschaft wider.

Nicht nur das individuelle Hörverhalten hat sich verändert, sondern »Musik« scheint ihre kulturelle Bedeutung zu verlieren. … das »Hören« als spezifischer Umgang mit »Musik« wird sukzessive außer Kraft gesetzt. Die Rezipienten sind vollends zu Konsumenten geworden. Vom Geschmacksurteilsvermögen ist ein Reiz-Reaktions-Schema übrig geblieben, wonach »Musik« nur noch als akustisches Signal wiedererkannt wird: Klingeltöne geben hier das Prinzip vor.

Kunst ist Kunst geworden, weil sie sich als autonomer Raum konstituieren konnte und musste:

Die Idee der Autonomie der Kunst korrespondiert mit dem Entwurf eines autonomen Subjekts, das – dem Ideal der Aufklärung folgend – die empha­tische Selbstbestimmung meint; gleichzeitig wird die Kunst zunehmend zum einzigen Ort, an dem das autonome Subjekt sich überhaupt verwirklichen kann – als Künstler.

Aber:

…erst wo die Kunst zur Ware wird, kann sie eine Form der Autonomie realisieren, die paradoxerweise darin besteht, die Unabhängigkeit vom ökonomischen Markt zu deklarieren. Damit verdoppelt sich in der Kunst der von Marx beschriebene Fetischcharakter der Ware.

Fazit als »Großthese«:

So wie das Automobil die fordistische Ära als spezifische Ware markiert, kann der Tonträger als signifikante Ware des Postfordismus gelten. Nun wäre zu fragen, ob sich mit dem Verschwinden der Tonträger der Postfordismus in eine neue Stufe der Wert­vergesellschaftung auflöst. Das hätte vor allem Konsequenzen für den Menschen als Individuum, was schon im Postfordismus eine Idee war, die sich bereits mit dem Fordismus zersetzt hat. Hier ist die Krise.

Ende des Artikels. Hier wäre weiter zu denken und zu spekulieren, vor allem: Welche neuen Formen entstehen, wie sehen diese aus, bergen sie emanzipatorisches Potenzial?

Der nächste Artikel »Gegen LSD und DSL« von Janko Röttgers beschäftigt sich mit dem Verhalten der Musikindustrie in der Krise. Während einige noch weiter um sich schlagen, haben andere sich mit dem Niedergang abgefunden und führen im Hintergrund ihren Umbau durch:

Es dürfte kein Zufall sein, dass EMI auch führend beim Abschied von digitalen Kopierschutzmechanismen gewesen ist. Der Konzern erklärte sich als erster bereit, den Inhalt seines Katalogs über iTunes und Amazon im ungeschützten MP3-Format zum Download anzubieten. Der überfällige Schritt sichert EMI größere Einnahmen aus digitalen Downloads und sorgt gleichzeitig dafür, dass sich die Firma früher als geplant aus dem althergebrachten Geschäft verabschieden kann. MP3s bei Amazon ersetzen eben nicht in erster Linie Downloads aus Tauschbörsen, sondern die neben den MP3s angepriesenen, zumeist jedoch teureren CDs.

Jetzt kommt selbstverständlich meine These: Das liegt am Universalgut- (=wertlosen) Charakter der Musik und geht auch gar nicht anders. Wer zuerst aufgibt, kann im Niedergang noch einige Mitnahmeeffekte erzielen. EMI schaufelt sich das eigene Grab und das der Musikindustrie dazu. Ein Race to the bottom: Entwerten um noch ein paar Rentendollar einzustreichen.

Elke Wittichs Artikel »Genug geloadet« lebt von der Skandalisierung der Torrent-Plattform »The Pirate Bay«:

In Wirklichkeit ist Lundstrom allerdings, so die schwedische Staatsanwaltschaft, einer der vier Besitzer von Pirate Bay und ein ausgewiesener Nazi: 1988 wurde der heute 47 Jahre alte Knäckebrot-Erbe wegen eines rassistischen Überfalls auf drei Ausländer angezeigt. Seither unterstützte der Millionär diverse rechtsextreme schwedische Parteien mit Spenden, auf seiner Payroll stehen unter anderem die rechtspopulistischen Sverigedemokrater, die Nationaldemokraten und die fremdenfeindliche Framstegspartiet. Zudem war er aktives Mitglied der rassistischen Initiative Bevara Sverige svensk, zu deutsch: »Haltet Schweden schwedisch«. Ein Blogeintrag Lundstroms gegen das Recht auf Abtreibung wurde gerade erst gelöscht.

Anschließend schlägt sie als »echte Alternative« ein paar Internetradios vor, die ihre Abgaben leisten. Schön legal bleiben. Der Titel ist imperativisch gemeint.

»Wie kommunistisch ist Filesharing?« fragt Melis Vardar, aber die Antwort ist dünn:

Obwohl die Veranstaltungen Tauschbörsen heißen, tritt darin der Tauschwert hinter dem Gebrauchswert zurück – selbst wenn dieser, siehe oben, nicht im Genuss von Musik besteht, sondern in ihrer Archivierung. Lobenswert ist auch das Grassroots-Prinzp: »Wir wollen alles« und »Alles für alle und zwar umsonst« – hier ist das Realität. Dass Musiker und Produzenten deswegen um ihren Broterwerb fürchten, kann dem linken Kritiker herzlich egal sein, da die linken Enteignungsphantasien noch nie Mitgefühl für den Unternehmer kannten, der seinen Betrieb mit Blut und Schweiß aufgebaut hatte. Noch kommunistischer sind die Umgangsformen: »Share or be banned« warnen User getreu der alten Maxime der Arbeiterbewegung, dass, wer nicht arbeite, auch nicht essen solle. Und das wollen wir doch, oder?

Warum bekomme ich hier das ungute Gefühl, das Letzte ist gar nicht ironisch-zynisch gemeint, sondern irgendwie ernsthaft?

Und schließlich darf noch Alexander Hacke von den »Einstürzenden Neubauten« für das eigene Subskriptionsmodell werben:

Der Supporter hat einige Vorteile, so kann er sich beispielsweise mit den Bandmitgliedern via Webcasts, Chatrooms und Messageboards über ihre Arbeiten austauschen und braucht sich nicht in die Gefahr zu begeben, Musik illegal downzuloaden. Gleichzeitig braucht die Band nicht mit abgeklärten Repräsentanten der Musikindustrie über Vermarktungsstrategien spekulieren. Abgezogen werden wir alle überall, aber durch die Möglichkeiten der Verbreitung durch das Supporter-Modell, die das Internet bietet, ist gewährleistet, dass Musik, die nicht dem Mainstream entspricht, überhaupt noch produziert werden kann.

Ökonomisch werten hier die Vermittler ausgeschaltet, der Königsweg bei allen alternativen Selbstverwertungsmodellen. — Hallo Linkspartei: Hier werden Arbeitsplätze in der Vermittlungsindustrie vernichtet!

Kategorien: Medientipp, Reichtum & Knappheit

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7. Februar 2008, 18:38 Uhr   5 Kommentare

1 Peter Bußfeld (08.02.2008, 00:30 Uhr)

Habe gerade nach Lesen des hiesigen Blog-Eintrags den Elke-Wittich-Artikel in der „Jungle World“ überflogen. In der Tat kommt der Verweis auf die „Download-Alternative“ Internetradios schon etwas hilflos daher – aber die „Skandalisierung“ der Naziverstrickung des „Pirate-Bay“-Unternehmens ist doch absolut berechtigt!

2 StefanMz (08.02.2008, 09:27 Uhr)

@Peter: Absolut!

3 Brockhaus aus-kooperiert — keimform.de (12.02.2008, 18:09 Uhr)

[…] beginnenden Untergang einer ganzen Medienindustrie. Untergang, und nicht bloß Wandel. Siehe Musikindustrie. Mediengüter im digitalen Zeitalter sind Universalgüter, wertlos und stets danach […]

4 chris (18.04.2008, 22:27 Uhr)

Raupkopien sind Diebesgut, nichts anderes. Aber die Industrie sollte aufhören zu jammern und sich statt desses neue Einnahmequellen erschliessen – und die können nur im Live-Geschäft liegen!

5 Ist die Finanzmarktkrise eine Krise der Vermittler? — keimform.de (12.10.2008, 20:03 Uhr)

[…] oder müssen sich zumindestens massiv neue Geschäftsmodelle suchen. Die Musikindustrie ist das beliebteste Beispiel. Das Grundmuster ist immer das selbe: Das Internet bringt Anbieter und […]

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