Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Arbeiterselbstverwaltung und Keimform

»Interessierter Beobachter« hat interessante Fragen aufgeworfen, die ich lieber als eigenen Beitrag diskutieren möchte. »Interessierter Beobachter« überlegt, ob die

Arbeiterselbstverwaltung … dem Keimformansatz sehr nahe sind (oder vielmehr der Keimformansatz diesen schon alten Konzepten mit seinen Problematiken)

und fragt schließlich, wie man die

Ausdehnung dieser Keimformen [wie Freie Software] auf immer größere Bereiche skizzieren … (kann), ohne bei einem bloßen Appell stehen zu bleiben

Mal davon abgesehen, dass der Keimform-Blog als Ganzes das Thema hat, sich letzterer Frage anzunähern, will ich meine Überlegungen hier skizzieren.

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Aber jetzt zu den Fragen nach den Keimformen, ihrer Verallgemeinerung und der Arbeiterselbstverwaltung.

Freie Software als Keimform ist insofern ein Sonderfall, als dass sich die Produkte kopieren lassen (was mit stofflichen Gütern nicht geht). Dieser Sonderfall ist jedoch — so meine These — trotzdem verallgemeinerbar. Was ist das Allgemeine, dass meiner Sicht nach über den Kapitalismus hinausweist?

Das Verallgemeinerbare ist die neue Form der gesellschaftlichen Vermittlung, sind die neuen sozialen Beziehungen, die nicht über die (wertförmige) Arbeit und den Wert gebildet werden, sondern durch die Menschen selbst. Anders bei Arbeit, Wert, Tausch sonst: Hier werden soziale Beziehungen erzeugt, die über etwas Drittes vermittelt sind (nämlich Wert, und damit über Lohnarbeit), was auch den Kern des Fetischismus ausmacht: Soziales wird durch die Bewegung von Sachen hergestellt. Genau genommen gibt’s bei Freier Software keine Arbeit mehr, sondern nurmehr freie Kooperation und Selbstentfaltung (nehmen wir mal den Idealfall, die Praxis ist widersprüchlicher).

Deswegen interessiert mich auch die allgemeine Arbeit: Wenn meine obige These stimmt, muss sich das auch an der Frage zeigen lassen, wie die jeweilige »Tätigkeit« (sage ich jetzt mal unspezifisch) gesellschaftliche Geltung bekommt. Es zeigt sich, dass Universalgüter, insbesondere die freien, Resultat unmittelbarer gesellschaftlicher (konkret-allgemeiner) »Arbeit« sind — im Gegensatz zu den normalen Waren, die den »Umweg« über die »abstrakte Verallgemeinerung« im Tausch gehen müssen, um gesellschaftlich allgemein zu werden. Diesen »Umweg« müssen die Waren gehen, weil sie ja in Privatarbeit entstehen, während freie Universalgüter das nicht nötig haben.

Dass die Universalgüter sich trotzdem »innerhalb der kapitalistischen Totalität bewegen«, wie »Interessierter Beobachter« schreibt, ist völlig klar. Das sieht man z.B. daran, dass auch Freie Softwareentwickler irgendwie zu Geld kommen müssen, um ihr tägliches Leben zu bestreiten. Das ist aber gerade der Charakter von Keimformen: Sie sind Neues, aber halt noch im dominanten Alten. Das bedeutet notwendig, dass das Alte auch irgendwie bedient, genutzt und gelebt werden muss. Besser ist es, wenn einem die Widersprüche klar sind, aber meist ist das Verhältnis dazu eher unbewusst.

Ich finde es wichtig zu sehen, das z.B. Freie Software oder Freie Kulturgüter keineswegs die einzigen Bereiche sind, wo so etwas wie eine »konkret-allgemeine Produktionsweise« entsteht, sondern dass der Kapitalismus selbst die Tendenz dazu hervorbringt, allerdings in widersprüchlicher Weise. Das sind die privatisierten Universalgüter, bei denen der Kapitalismus arge Probleme hat, die in die Warenform zu pressen. Ok, ist trotzdem immer noch der nicht-stoffliche Bereich.

Wie kann man die »konkret-allgemeine« Produktionsweise nun in den stofflichen Bereich hinein ausdehnen? Dazu habe ich keinen handgreiflichen, pragmatischen Vorschlag. Stoffliche Güter sind nun mal nicht wie Universalgüter kopierbar, sondern (ver-)brauchen je Exemplar Aufwand und Stoff. Die Aufwands- und Stoffrelationen sind im Kapitalismus nun so hochgradig arbeitsteilig organisiert, dass es kaum möglich ist, hier einen eigenständig funktionierenden Minikreislauf herauszulösen, um diesen nach Art der Universalgüter »neben Arbeit und Wert« zu betreiben. Aber solche »Kreisschlüsse« unabhängiger Projekte müssen das Ziel sein.

Die Arbeiterselbstverwaltung (ASV) sehe ich hier nicht. Sie strebte zwar danach, die »bewusste Kooperation der unmittelbaren Produzenten« zu organisieren, aber die gesellschaftlichen Beziehungen waren nach wie vor über Ware und Tausch vermittelt. Wie »Interessierter Beobachter« schreibt, kann man zwar versuchen, die »innerbetriebliche Arbeitsorganisation nicht nur primär nach den Prinzipien kapitalistischer Effizienz« zu organisieren, aber schon die defensive Formulierung (»nicht nur primär«) zeigt, dass sich die warenförmige Logik, die äußere Markt vorgibt, auch in den sozialen Beziehungen im Betrieb niederschlagen — muss! Ein anderes Wollen ist dann nur Voluntarismus. Alle Praxiserfahrungen, nicht nur in Jugoslawien, sondern auch für Betriebe in kollektiver Selbstveraltung, zeigen das m.E. auch.

Die Ursache für das Scheitern der ASV (gemessen am Kriterium der Überwindung der Verwertungslogik) liegt meiner Meinung nach daran, dass die Betriebe der ASV keinen eigenständigen sozialen Zusammenhang neben der dominanten Form der Vergesellschaftung über Arbeit und Wert geschaffen haben, sondern in ihm und nach seinem Kriterien der Verwertung existieren mussten. Dieses Problem betrifft grundsätzlich auch solche alternativen Versuche wie etwa in Venezuela, Bolivien oder Kuba.

Auf der anderen Seite, ist der Versuch, neben der dominanten Verwertungslogik einen »Kreisschluss« nicht-wertförmiger Logik zu organisieren, auch extrem schwierig. Denn jeder »Kreisschluss« hat natürlich vielfältige »Import/Export-Relationen«, die über die Wertform abgewickelt werden. Dadurch wird der Zwang mit importiert, die äußeren Kriterien zu erfüllen. Oder mit anderen Worten: Was ein ASV-Betrieb als Problem vor sich hat (im Markt überleben), hat ein Zusammenschluss von Betrieben (oder ein Land) genauso.

Erst wenn der »Kreisschluss« in der Lage ist, die wesentlichen internen Bedürfnisse selbst zu befriedigen, also ein hohes Maß an Autarkie erreicht, kann eine weitgehende Entkopplung gelingen. Da man aber zu so einem Zustand nicht springen kann, sondern ihn stattdessen auf dem Weg der Anpassung an die Verwertungslogik geht, sehe ich keine Chance, da wieder jemals raus zu kommen. Kurz: ASV, Venezuela und Co halte ich für keine machbaren Optionen.

Das Kriterium für beginnende »Kreisschlüsse« muss sein, dass sie sich von vornherein aus der Verwertungslogik verabschieden. Dazu müssen die internen Relationen nicht-wertförmig organisiert sein, während die (möglichst schmalen) externen Relationen notwendig noch wertförmig sind. Externe und interne Relationen dürfen nicht gekoppelt sein, also so etwas wie »Erfolg auf dem Markt« = »Überleben des Projektes« ist ungeeignet.

Ein Übergangsszenario hat Christian Siefkes mit der »Peer Ökonomie« geliefert. Hier werden Aufwände aufgeteilt, es wird aber nicht mehr getauscht. Auch in ein funktionierendes Peer-Ökonomie-Modell kann jedoch nicht gesprungen werden, sondern es muss erst aufgebaut werden. Dazu hat Christian Vorschläge gemacht (1|2|3), die zwar wichtig sind und sukzessive den Weg der Entkopplung und Überflüssigmachung von Verwertungsrelationen gehen, mir aber noch nicht ausreichend erscheinen.

Meiner Meinung müsste man weiter über eine Verbindung von »Kreisschluss« mit intern weitgehend wertfreien Relationen und »Peer Ökonomie« nachdenken. Also mehr in die Richtung, die hier diskutiert wurde, die Christian allerdings nicht weiterverfolgt hat. Ich allerdings auch nicht.

Kategorien: Freie Software, Praxis-Reflexionen, Theorie

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8. Oktober 2008, 11:00 Uhr   5 Kommentare

1 Community Building in Zeiten der galoppierenden Krise — keimform.de (08.10.2008, 13:24 Uhr)

[…] hat mich gerade dankenswerterweise durch sein letztes Posting wieder auf eine ältere Diskussion gestoßen. Ich hab dadurch meine alten Hoffnungen wieder […]

2 ThomasE (13.10.2008, 14:30 Uhr)

Hallo Stefan,
ich finde du siehst das ziemlich richtig.
Einen Punkt verstehe ich aber nicht: warum soll ein „Kreisschluß“ nicht bei erstmal nur _wenigen_ wesentlichen Bedürfnissen und damit eine partielle Entkoppelung möglich sein. An welchem Punkt sollte sonst aufgebaut werden, wenn nicht daran immer mehr Bedürfnisse und auch Menschen, die arbeitsteilig für deren Befriedigung sorgen, in den „Kreisschluß“ hineinzuholen. Diesen Weg versuchen m.E. die warenkritischen Projektgemeinschaften in Hamburg (http://www.neue-arbeit-hamburg.de) und Freiburg (http://www.sole-freiburg.de).

3 StefanMz (13.10.2008, 22:05 Uhr)

@ThomasE: Ich habe nicht grundsätzlich gegen »Kreisschlüsse« geschrieben, sondern wollte nur auf den Widerspruch hinweisen, dass es einerseits keine Adhoc-Autarkie geben kann und andererseits immer die Gefahr besteht, den Projekterfolg an einem wie auch immer gearteten Markterfolg zu koppeln. Der Weg der partiellen Entkopplung, wie du schreibst, scheint mir der einzig gangbare zu sein. Allerdings müsste die Kriterien der Entkopplung mehr in die Diskussion geholt werden.

4 Christian Siefkes (16.10.2008, 13:46 Uhr)

StefanMz schreibt:

Dazu hat Christian Vorschläge gemacht (1|2|3), die zwar wichtig sind und sukzessive den Weg der Entkopplung und Überflüssigmachung von Verwertungsrelationen gehen, mir aber noch nicht ausreichend erscheinen.

Meiner Meinung müsste man weiter über eine Verbindung von »Kreisschluss« mit intern weitgehend wertfreien Relationen und »Peer Ökonomie« nachdenken. Also mehr in die Richtung, die hier diskutiert wurde, die Christian allerdings nicht weiterverfolgt hat.

Tatsächlich hab ich mit den Vorschlägen, v.a. dem „Commons Network“, schon versucht diese „Offenen Fragen“ aufzugreifen, z.B. wenn ich diskutieren, wo das „Common Property“, sprich die materiellen noch nicht selbst produzierbaren Grundlagen der Produktion herkommen. Die zentralste Frage scheint mir allerdings die zu sein, wie denn die „intern weitgehend wertfreie“ arbeitende Gruppe selbst zustande kommen soll.

Beim Commons Network ist da die Idee, dass es ein sehr offenes Modell mit einer sehr niedrigen Einstiegshürde sein soll – ein offenes, zum Teil nur sehr lose interagierendes Netzwerk statt einer mehr geschlossenen eng zusammenarbeitenden Gruppe. Dass man damit anfängt, hofft, nach und nach immer mehr Leute anzuziehen und damit auch neue Möglichkeiten zur Zusammenarbeit zu schaffen, und dann guckt was sich draus entwickelt…

Die Alternative wäre wohl, eine intensive, eng zusammenarbeitende Gruppe anzustreben, wie etwa das, was Benni unter dem Stichwort „resilient community“ zitiert. Deiner Ansicht nach sollte man mehr in die Richtung denken, habe ich das richtig verstanden? Finde ich auch eine interessante Perspektive, die dann in der Tat wieder andere Spielregeln benötigt, doch der Hauptknackpunkt scheint mir hier zu sein, wo denn diese enge Gruppe überhaupt herkommen soll?

Zumal die Größenordnungen, die solche Gruppen typischerweise erreichen können – einige Dutzend bis maximal 100 Personen, nach Kommunen u.ä. Alternativprojekten zu urteilen – mir einfach zu klein scheinen, um darin eine nennenswerte wertfreie interne Produktion zu organisieren. Dieses Problem war für mich der wesentliche Anlass, mich von „eng interagierenden Gruppen mit festen Spielregeln“ zu „loses Netzwerk mit lockeren Vorgaben“ umzuorientieren.

Aber Überlegungen, wie man mit anderen Ansätzen weiterkommen könnte, finde ich natürlich auch wichtig und spannend…

5 benni (16.10.2008, 14:16 Uhr)

@Christian: Du hast natürlich recht. Es müsste halt beides gleichzeitig stattfinden. Mir hat bei Deinen Infrastrukturvorschlägen die konkrete Perspektive gefehlt. Aber sicherlich kann Infrastruktur viel bewirken und ist auch nötig.

Niedrige Einstiegshürde find ich auch total wichtig. Deswegen ja eben keine Kommune sondern regelmäßige Treffen. Aber natürlich ist auch das schon eine Hürde. Merke ich ja gerade.

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