Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Unterirdischer Jungle

Ich lese ja seit Jahren regelmäßig die Jungle World, und weiß sie durchaus zu schätzen. Leider ist das halt nunmal die einzige linke Wochenzeitung, die nicht so extrem staubtrocken ist und wo man auch mal was zu lachen hat (vor allem natürlich wegen den super Comics). In all den Jahren hab ich mich auch eigentlich nun wirklich an ihr ärgerliches, rituelles und meist ebenso uninspiriertes wie uninformiertes Bewegungsbashing gewöhnt und nehme es als lästige Randerscheinung hin. Aber diese Woche schießen sie mal wieder den Vogel ab. Sie schreiben über Freie Software. Der Artikel wimmelt nur so von haarsträubenden Fehlern („Red Hat war die erste Firma, die mit dem Verkauf freier Software Geld verdiente.“). Auch generell wird überhaupt nicht das Phänomen Freie Software als Produktionsweise untersucht sondern nur anhand der Äußerungen von Teilen der Bewegung, dass sie keinen Kommunismus wollten, darauf geschlossen, dass das wohl dann auch nix mit Emanzipation zu tun haben kann. Ganz clever. Und dann wird sogar behauptet, die Freie Software Bewegung sei anti-amerikanisch.  Die wiki(kalifornische Ideologie) ist also anti-amerikanisch, brilliant.

Aufhänger des Artikels waren die aktuellen Entwicklungen rund um den Mail-Client Thunderbird. Was mich sehr wundert, ist, dass es vom selben Autor (Carsten Schnober) einen durchaus sachlichen und interessanten Artikel zum selben Thema im Linux-Magazin gibt. Dort wird tatsächlich zumindestens ansatzweise das schwierige Verhältnis zwischen Kommerz und Community beleuchtet, was ja eine wichtige Sache ist. Nur wieso ist das im Jungle nicht auch möglich? Hat da jetzt die Redaktion reingepfuscht oder ist dem Autor angesichts  des linken Publikums der Gaul durchgegangen?

Kategorien: Freie Software

Tags: , ,

26. Oktober 2007, 12:14 Uhr   2 Kommentare

1 Christian Siefkes (26.10.2007, 13:05 Uhr)

Ich finde den Artikel nicht schlecht. Er enthält zwar ein paar sachliche Fehler, aber er bringt die dominierende Stimmung in der Freien-Software-Szene doch ganz gut auf den Punkt. Und mehr zu tun, behauptet er ja gar nicht – es wird nirgendwo bestritten, dass es Minderheiten gibt, die die Sache anders sehen.

Über den Antiamerikanismus heißt es nur: „bei europäischen Open-Source-Anhängern ist oft eine kräftige Portion Antiamerikanismus dabei“. Das ist zwar wohl übertrieben, aber in die Richtung gehende Argumentationen sind mir auch schon zu Ohren gekommen.

Auch sonst liest du Sachen in den Artikel rein, die da nicht drin stehen, z.B. dass das „nix mit Emanzipation zu tun haben kann“. Aus dem Artikel geht höchstens hervor, dass die in der FOSS-Szene verbreiteten Vorstellungen von Emanzipation zumeist eng begrenzt sind und keine radikale Gesellschaftskritik beinhalten. Und das ist ja nicht falsch.

2 StefanMz (27.10.2007, 14:11 Uhr)

Ich finde den Artikel auch nicht soo doof, halt nur deskriptiv und sonst ziemlich flach und null analytisch. Er entspricht damit genau dem, was er meint über die Freie Software sagen zu können:

Immer öfter beschränkt sich jedoch die politische Reflexion auf dieses oberflächliche Niveau.

Du kannst ja mal versuchen, der Jungle World einen analytischen und keimförmigen Artikel anzubieten;-)

Schreibe einen Kommentar