Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Training, Motivation, Gender

Die Januarausgabe von Spektrum der Wissenschaft hat „Genies“ zu ihrem Titelthema. Nach Myriaden von Artikeln zur bedeutenden Rolle der Gene und von „Begabung“ räumt der Artikel „Wie Genies denken“ prägnant mit dem ganzen Begabungsunfug auf: Erwerb von Expertise durch intensives Training plus Motivation seien wesentlich. Aber was hat das mit »Gender« zu tun?

Training – statt Begabung

Sehr anschaulich wird gezeigt, dass frühes und intensives Training nicht einfach nur bedeutet, das immer mehr gelernt wird oder etwas feststehendes immer perfekter gelernt wird, sondern dass sich das Gelernte zu neuen, komplexeren Bedeutungseinheiten zusammensetzt. Dieses Erfassen bestimmter Situationen genau in Bezug auf solche komplexen Bedeutungseinheiten erscheint nach außen – wenn man um den intensiven Trainingsprozess nicht weiss – als „Begabung“.

Das kennt eigentlich jede/r aus eigenem Erleben: Als Leseunkundige mussten wir nach und nach Buchstaben (oder Silben) erkennen lernen. Hier waren wir gleichsam auf die Ebene der rohen Zeichenerkennung verwiesen. Mit zunehmendem Training erfassen wir Geschriebenes in immer größeren Einheiten, zunächst in Worten, dann Sätzen. Schließlich bedeutet Lesen, die Bedeutung des Textes gleichsam direkt aufzunehmen – ohne dass wir uns überhaupt noch mit Buchstaben, Worten oder Sätzen als solchen befassen würden. Auf die früheren Ebenen wird man erst wieder „zurückgeworfen“, wenn die Bedingungen für das Lesen schlecht sind (etwa wenn es zu dunkel ist).

Motivation – statt Zwang

Nun kommt die Motivation ins Spiel: Warum soll ich mich einem harten Training unterziehen? Na, weil es meine Handlungsmöglichkeiten und damit Lebensqualität verbessert. Wenn dieser Zusammenhang nicht nachvollziehbar ist, dann erfolgt Lernen nicht motiviert, sondern – so es überhaupt stattfindet – erzwungen.

Zum Beispiel in der Schule: Da für viele Kids eben der Zusammenhang nicht mehr vollstellbar ist, reagiert die Schule durch zunehmenden Zwang. Die Reaktion auf den „Pisa-Schock“ ist geradezu paradox: Der Zwang wird verschärft, weil sich die Kids immer mehr entziehen, was die Motivation weiter senken wird. Sieht man die Schulen als das an, was sie in Wirklichkeit sind – Selektionsanstalten zur unterschiedlichen Zuweisung von Lebenschancen –, dann wird das auch klar: Ein besseres Leben für alle ist einfach nicht das Ziel. Unter Bedingungen, wo das Sich-auf-Kosten-Anderer-Durchsetzen allgemeines Prinzip ist, geht das auch nicht anders.

Trotz dieser beschissenen Rahmenbedingungen hat der Autor des Spektrum-Artikels völlig recht, wenn er optimistisch schreibt: »Statt ewig über die Frage „Warum kann Johnny nicht lesen?“ nachzugrübeln, sollten sich Lehrer also lieber fragen: „Warum sollte es irgendetwas auf der Welt geben, das er nicht lernen kann?“«

Damit komme ich zu Selbstentfaltung! Ja, so ist der Zusammenhang: Selbstfaltung bedeutet, motiviert eine selbst gestellte (Lern-) Aufgabe mit Energie anzupacken. Das geht nur unter Bedingungen, wo die Entfaltung aller meine Entfaltungsbedingung ist und umgekehrt. Diese unsere Gesellschaft ist strukturell nicht in der Lage, massenhaft „Selbstentfaltung“ zu mobilisieren. Das geht nur in einer Freien Gesellschaft.

Gender – nix Entfaltung?

Leider spüren wir den Widerspruch von Möglichkeit und Realität von Selbstentfaltung auch in den eigenen Reihen. So fragen wir doch schon lange, warum deutlich weniger Frauen in der Freien Software aktiv sind, als in der proprietären Softwareindustrie, wo sie ohnehin schon unterrepräsentiert sind.

Meine Antwort: Der allgemeine Zwang, einer entfremdeten Tätigkeit mit Namen „Arbeit“ nachzugehen, „erzeugt“ immerhin auf einen Frauenanteil von 15% bei proprietärer Software – so viele Frauen lassen sich nicht durch die männerdominierte Konkurrenz verdrängen. Anders bei Freier Software: Dort zählt Freiwilligkeit. Zwar gibt’s hier keine allgemeine Entfremdungsstruktur, aber – Jungs! – ganz offensichtlich sind die Bedingungen so doof, dass Frau nicht motiviert ist, mitzumachen und ohne den Zwang im Rücken – freiwillig! – lieber wegbleibt. Klägliche 2% Frauenanteil sind das Resultat.

Daraus folgt: Das mit der Selbstentfaltung steckt – trotz aller „Leuchttürme“ – durchschnittlich noch ziemlich in den Kinderschuhen, solange nicht mehr Frauen sich motiviert fühlen, in der Freien Software mitzumischen. Das ist der Maßstab. [Fortsetzung folgt]

Kategorien: Gender, Lernen

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25. Januar 2007, 16:18 Uhr   1 Kommentar

1 keimform.de » The Joy of Science (27.01.2007, 13:05 Uhr)

[…] Bezugnehmend auf Stefans letzten Beitrag hier eine Fundsache: Zuska lehrt sich selbst “feministische Theorie und die Freude an der Wissenschaft”. Sie hat einen Lehrplan entwickelt und berichtet uns jede Woche von ihren Fortschritten. […]

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