Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Tiziana Terranovas freie Arbeit

Rather than retracing the holy truths of Marxism on the changing body of late capital, free labor [das Konzept, das dieser Text behandelt, TB] embraces some crucial contradictions without lamenting, celebrating, denying, or synthesizing a complex condition. It is, then, not so much about truth-values as about relevance, the capacity to capture a moment and contribute to the ongoing constitution of a nonunified collective intelligence [...].

So endet ein Text von Tiziana Terranova, den ich euch in anbetracht der (mit Verlaub: sehr deutschen) Theoriedebatten der letzten Wochen ans Herz legen möchte. Es gibt ihn eigenwillig formatiert aber umsonst hier. Zudem ist er in der Zeitschrift Social Text (18.2, 2000) erschienen.

Ich halte ihn für ein gutes Beispiel dafür was man in Sachen Beschreibung des neueren Kapitalismus (cum Internet) mit der “französisch-italienischen” Linie (Foucault/Deleuze/Guattari + Negri/Lazzarato/Virno/Berardi) erreichen kann (und was nicht).

Ich werde den Text hier nicht paraphrasieren. Trotzdem ein paar Worte zu den Fragen, an denen Tiziana arbeitet: Am Anfang steht die Beobachtung von immer mehr und an immer zentraleren Orten auftauchender “freier Arbeit”, d.h. Arbeit, die sowohl freiwillig und unbezahlt geleistet wird, die sowohl Lust bereitet und ausgebeutet wird (“Simultaneously voluntarily given and unwaged, enjoyed and exploited”). Das Internet und die Horden von Freiwilligen, die es am Laufen halten, seien diesbezüglich nur ein Teil einer umfassenderen Tendenz.

Wichtig ist ihr nun, dieses Phänomen, ohne das es natürlich auch unsere liebe Freie Software auch nicht gäbe, in seiner Widersprüchlichkeit zu beschreiben:

“The volunteers for America Online, the NetSlaves, and the amateur Web designers are not working only because capital wants them to; they are acting out a desire for affective and cultural production that is nonetheless real just because it is socially shaped.”

Das mache diese Begierden dennoch nicht zu etwas unhintergehbar Vorgesellschaftlichem. Weder werde also das Begehren (nach Selbstentfaltung, wie es bei uns vielleicht genannt würde) den Weg ebnen zu einer Überwindung des Bestehenden, noch sei es das falsche Bewußtsein der nützlichen Idioten:

“It is rather a mutation that is totally immanent to late capitalism, not so much a break as an intensification, and therefore a mutation, of a widespread cultural and economic logic.”

Die genaue Beschreibung dieser “Mutation”, ihrer historisch-spezifischen Konstellationen und Machtrelationen, ist Tizianas Anliegen. Auch wenn der Text wohl so um 1999 herum geschrieben wurde, haben sich ihre Beschreibungen des Bestehenden gut gehalten: Freie Arbeit ist ja auch ein zentraler Teil des neuesten Web 2.0-Hypes. Und sie ist Voraussetzung für Freie Software. Nach Stefans ausführlichen Klärungen auf der Warenebene ist jetzt vielleicht die Analyse der Arbeit der freien Software an der Reihe?

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Freie Software, Theorie

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9. September 2007, 20:06 Uhr   1 Kommentar

1 StefanMz (12.09.2007, 17:07 Uhr)

Das ist nicht so fern von dem in der Tat sehr “deutschen” Diskurs um die Formen (Warenform etc.). Ich würde die “freie Arbeit” — wie bereits getan — “allgemeine Arbeit” nennen. Und da, denke ich, lohnt sich noch einmal das genaue Nachdenken. Aspekte, die da für mich reingehören, sind:

  • Unterschied von konkreter und abstrakter Allgemeinheit
  • Gender und Abspaltung der Reproduktionssphäre
  • Vermittlung und Vergegenständlichung — welche Formen?
  • Überhistorisches und warenformspezifisches an der Arbeit

Im Anschluss an das Wochenend-Seminar zu den Universalgütern haben wir in etwa diesen Themenkreis diskutiert. Vielleicht gibt’s dazu bald einen Text. Allerdings bestimmt wieder in “deutsch”.

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