The Joy of Science

Bezugnehmend auf Stefans letzten Beitrag hier eine Fundsache: Zuska lehrt sich selbst „feministische Theorie und die Freude an der Wissenschaft“. Sie hat einen Lehrplan entwickelt und berichtet uns jede Woche von ihren Fortschritten.

Was hat das auf Keimform.de zu suchen? Davon abgesehen, dass ich das fuer eine charmante Idee halte, koennte das Wundern ueber die mangelnde Freude von Frauen an der Selbstentfaltung via FOSS ja vielleicht tiefer greifen.

In diesem Zusammenhang bin ich heute auf einen Beitrag auf der Mailingliste nettime gestossen, der fuer mich die tiefst moegliche Skepsis gegenueber freier Software als Keimform formuliert. Aber eins nach dem anderen. Der Autor schreibt:

„The current welfare state (or rather, the declining welfare state) was / is built on both non-wage labour (women, families, etc), and the global wage and class inequities. I could be wrong, but many people far smarter than me show that in part at least the end of welfarism was precipitated by the struggles of those two ‚classes‘ against their place within the international/national orders (I am thinking here of the world-systems theorists in particular). As Sliver, the author of ‚Forces of Labor‘, says, there was a Wallerstein crisis – the state and capital couldn’t afford to bring all these people into the welfare deal that was cut so as to resolve some of the antagonisms the were left unresolved at the end of the 19th century and the end of the second world war. Because welfare is and can only be premised on such an inequity. That’s part of the basic structure of capitalism – the whole profitability thing.“

Vorschlaege, die darauf zielen, einen den neuen Verhaeltnissen angepassten Wohlfahrtsstaat zu errichten, weist die Autorin damit zurueck, dass sie ernsthaft daran zweifelt, dass das Modell Wohlfahrt ohne diese Ausbeutung der Frauen/Armen/Nicht-Weissen moeglich ist.

Soweit so gut, die Kritik am Wohlfahrtsstaat fordistischer Praegung sollte hier nicht kontroversiell sein (oder?).
Er nimmt aber dann bezug auf „Lord Jim„, einen Roman von Joseph Conrad.

Part of my problem with a new welfarism is that i cannot see how such a thing could come into being, nor even be promoted ‚realistically‘ without perpetuating these very differences or creating new ones. Conrad writes about this in Lord Jim: that the white crews ‚led precariously easy lives, always on the verge of dismissal, always on the verge of engagement…‘ (pg 16). What he is describing is an ‚aristocratic precarity‘ based upon the cheaper and far more heavily policed labour of the non-white. (…)

Was, wenn die Selbstentfaltung in FOSS, wie wir sie heute beobachten koennen, genau das ist: die eine Seite der Prekaritaet der „two types of ‚precarity‘ – the lucky few and the fucked multitude.“ Es gibt ja nicht nur ein Ungleichgewicht an Teilhabe von Frauen in FOSS Projekten, die Ungleichheiten gehen durch alle altbekannten Dimensionen: Alter, Bildungsgrad, Klasse, Hautfarbe. Ein Schelm wer Boeses dabei denkt.

Was also, wenn unser Paradebeispiel FOSS in eine falsche Richtung weist, die grundlegende Konflikte aufgrund „unserer“ Position (recht gut ausgestattet mit kulturellem, oft auch sozialem Kapital und meistens auf der „richtigen“ Seite des sog. „Nord-Sued-Konflikts“) nicht sieht? Ist das Beharren auf den objektiven Mechanismen des Kapitalismus gerade hier unangebracht, weil diese so evident in so ungleicher Weise verteilt sind geographisch, der Hautfarbe und des Ausbildungsgrades nach und was das Geschlecht angeht?

Keine Angst, ich will nicht auf eine Diskussion ueber Haupt- und Nebenwiderspruch hinaus, ich meine aber, dass es nuetzlich sein koennte, sich mit ein bisschen Feminismus und gerne auch postkolonialer Theorie auseinandersetzen. Das sind naemlich Stimmen derjenigen, die an FOSS wenig oder gar nicht teilhaben – ob sie uns passen oder nicht.
P.S.: Apropos „Nord-Sued“, ihr habt ja vielleicht diesen Artikel gelesen, der durch ein paar blogs ging und in dem FOSS-Aktivisten aus Brasilien recht frustriert den Hype ein wenig zurechtruecken.

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