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Seminar »Die Politik von Open.Source«

»Junge Linke« Seminar zu Open SourceDie »Junge Linke« lädt zu einem »Seminar zur Freiheit des Internets« ein vom 8.-10. Juni 2007 in Hannover. In der Einladung heisst es:

»Open-Source-Produkte feiern weltweit Erfolge: Firefox, OpenOffice und Linux sind die bekanntesten Beispiele. Wir wollen auf dem Seminar der Frage nachgehen, was die Entwicklung dieser Software antreibt. Dabei wollen wir diskutieren, welche Motive die Entwickler und die Firmen, die sie unterstützen, haben. Wir werden uns anschauen, was in den Open-Source-Lizenzen (wie z.B. GPL und BSD) steht und ob darin wirklich das Ende des Eigentums kodifiziert ist, wie viele Fans dieser Bewegung meinen. Auch den Mythos, dass eine kleine Gruppe von Hobby-Enthusiasten globalen Unternehmen wie Microsoft ernsthafte Schwierigkeiten bereiten kann, indem sie sich Abends zum Programmieren trifft, werden wir kritisch untersuchen.

Weiterhin möchten wir betrachten, was Linke an Open-Source entweder gut finden oder kritisieren und diskutieren, was wir davon halten. Ist Open-Source der Sozialismus in Software, eine fortschrittliche soziale Bewegung oder nur eine andere Form Geschäfte zu machen?«

Hm, warum habe ich so ein ungutes Gefühl bei diesem Text? Hat wirklich schon jemals ein »Fan« der Bewegung behauptet, dass in Freien Lizenzen »das Ende des Eigentums kodifiziert ist«? Da sehe ich doch wieder mal meine Vorurteile bestätigt, dass die Fixierung auf die Rechtsform des Eigentums den Blick für die eigentlichen Entwicklungen verstellt. Da können sich die JL mit großer Befriedigung auf Sabine Nuss berufen, die jene Blickverengung theoretisch rechtfertigt.

Kategorien: Eigentumsfragen, Freie Software, Termine

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6. April 2007, 15:34 Uhr   3 Kommentare

1 Christian (06.04.2007, 19:18 Uhr)

Du machst da einen Gegensatz auf, der keiner ist. Ohne Überwindung des Eigentums (im Sinne: das, was man kaufen und verkaufen kann) wird es keine Überwindung des Kapitalismus geben, und andersrum — beides gehört untrennbar zusammen.

Da nun aber Stallman und alle anderen bedeutenden FOSS-Befürworter sich explizit für Eigentum und im Regelfall auch explizit für den Kapitalismus aussprechen, heißt das dass sie bestenfalls „Revolutionäre wider Willen“ sein können. D.h. sie haben vielleicht den Kern einer postkapitalistischen Produktionsweise entdeckt, aber sie ahnen es nicht (oder wenn sie es ahnen, wollen sie es nicht wahrhaben). Das ist die wohlwollendste mögliche Deutung — und es ist tatsächlich die Deutung, die ich vertreten würde (Sabine Nuss sieht das bekanntlich etwas kritischer 😉 ).

Das heißt aber, dass keineswegs „die Fixierung auf die Rechtsform des Eigentums den Blick für die eigentlichen Entwicklungen verstellt“, sondern dass die Fixierung der Akteure auf die innerkapitalistischen Konzepte (wie der positive Bezug auf Eigentum) selbst ein entscheidender Aspekt dieser Entwicklung ist, der andere Aspekte der Entwicklung (die vielleicht über den Kapitalismus hinausweisen) beeinflusst und (sofern sie über den K. hinausweisen) bremst. Denn wer das Eigentum/den Kapitalismus explizit befürwortet, wird kaum wissentlich etwas tun, was diese Wirtschaftsform in Frage stellt.

Das heißt, dass, solange die Umstände so sind, sich dieser „Keim“ einer neuen Produktionsweise nur sehr wenig weiter entwickeln kann, nämlich nur solange wie er unsichtbar bleibt. Weitere Entwicklungen, die ihn tatsächlich als Keim einer neuen Produktionsweise erkennbar machen würden (auch für die Akteure selbst), werden kaum stattfinden, da sie ja den Vorstellungen der Akteure selbst zuwiderlaufen würden. Um mal das Bild zu wechseln: um durch eine bestimmte Tür zu laufen, ist es nicht genug, dass man es kann, sondern man muss es auch wollen.

Insofern ist das Bewusstsein der Akteure keineswegs unwichtig — jedenfalls kommt es mir wenig wahrscheinlich vor, dass wir eines Tages aufwachen werden und erkennen: „Wir haben den Kapitalismus abgeschafft, obwohl wir es nicht wollen.“

2 StefanMz (07.04.2007, 08:53 Uhr)

@Christian: Du schreibst:

Du machst da einen Gegensatz auf, der keiner ist.

Ich mache keinen Gegensatz auf, sondern eine notwendige Unterscheidung — das ist ein wichtiger Unterschied;-)

Ohne Überwindung des Eigentums (im Sinne: das, was man kaufen und verkaufen kann) wird es keine Überwindung des Kapitalismus geben, und andersrum

So allgemein, so richtig, so irreführend: Daraus zu folgern, man müsse die Forderung nach Abschaffung des Eigentums zum Maßstab des Transformationspotenzials zu machen, halte ich für falsch. Das Eigentum ist nicht primär, es ist eine abgeleitete Größe. Es spiegelt die Produktionsverhältnisse wider, ist für diese aber nicht konstitutiv.

— beides gehört untrennbar zusammen.

Das stimmt historisch nicht, und das ist eine wichtige festzuhaltende Erkenntnis: Die Rechtsform folgte der Praxis — und nicht umgekehrt. Siehe zum Beispiel auch China als Fall nachholender Entwicklung. Also nicht zusammenschmeissen, was zu unterscheiden ist.

Das ist auch der Grund, warum ich — wenn wir das mal an Personen festmachen wollen — Torvalds für wesentlich entscheidender halte als Stallman: Torvalds steht für eine neue Produktionsweise, Stallman noch nicht mal für eine neue Rechtsform oder gar ihre Abschaffung (keine Frage, dass die Subversion des Copyright trotzdem genial und wichtig war und ist).

um durch eine bestimmte Tür zu laufen, ist es nicht genug, dass man es kann, sondern man muss es auch wollen.

Entscheidend ist, durchzugehen:-)

Insofern ist das Bewusstsein der Akteure keineswegs unwichtig

Das habe ich auch nicht geschrieben oder gesagt. Die Frage ist, wodurch es sich ändert. Eines scheint mir hier ziemlich klar: NIcht durch Aufklärung, sondern durch Praxis. Was nicht heisst, dass ich gegen kollektive Reflexion bin — nach meinem Verständnis ist das Teil der Praxis.

3 Christian (07.04.2007, 15:37 Uhr)

@Stefan:

Entscheidend ist, durchzugehen:-)

Was eben nicht passieren wird, solange nicht beide Bedingungen (Können und Wollen) zusammenkommen. Im Übrigen überschätzt du IMHO die Bedeutung Torvalds‘:

Torvalds steht für eine neue Produktionsweise…

IMHO besteht das Neue bei der Produktion Freier Software darin, dass Menschen sich zusammentun, um gemeinsam das zu produzieren, was Ihnen wichtig ist; anstatt für den Markt oder aufgrund eines zentralen Planungsprozesses zu produzieren (nicht wirklich neu, aber bei FS erstmals in einer Qualität, die der kapitalistischen Produktionsweise ebenbürtig oder überlegen ist).

Das ist aber nichts, was Torvalds eingeführt hätte, sondern es wurde von der FSF, der Perl-Community und den anderen Projekten der 80-er Jahre schon genauso praktiziert. Torvalds Innovation, diesen Prozess offen über das Internet zu führen (in einer Weise, die als die früheren Projekte anfingen vermutlich einfach noch nicht möglich war), ist zweifellos nett, aber eine bahnbrechende Veränderung sehe ich darin nicht.

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