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Prosumerträume und Kernelschäume

Wir heben hier ja immer wieder als eine Besonderheit von Freier Software hervor, dass die Grenzen zwischen Produzenten und Konumenten verschwinden. Zumindestens theoretisch kann jeder zum Kernelhacker werden. Ich bin gerade über ein Interview gestolpert, in dem der ehemalige Linux-Kernel-Hacker Con Kolivas seine Gründe darlegt, warum er angefangen und warum er aufgehört hat. Das ist eine geradezu beispielhafte Prosumerstory. Frustriert davon, dass heutige Computer zwar 1000 mal schneller sind als vor 20 Jahren aber trotzdem oft 10 mal langsamer zu bedienen, hat er sich auf Ursachensuche begeben und ist im Kernel fündig geworden. Die dafür nötigen Kenntnisse hat er sich im Laufe dieses Prozeßes einfach selbst beigebracht. Die allermeisten seiner Patches haben jedoch nicht den Weg in den Mainstreamkernel gefunden obwohl sie von vielen Leuten eingesetzt wurden.

Seiner Meinung nach liegt das daran, dass die allermeisten Kernelentwickler bezahlt werden von Firmen, die wenig Interesse an Desktop-Performance aber umso mehr an Serverfähigkeiten haben und schließlich kommt er zu der Aussage:

If there is any one big problem with kernel development and Linux it is the complete disconnection of the development process from normal users.

meine holprige Übersetzung: Wenn es irgendein großes Problem in der Kernelentwicklung gibt, dann ist es die komplette Verbindungslosigkeit des Entwicklungsprozesses mit den normalen Benutzern.

Was bleibt also in der Praxis übrig von den Prosumerträumen?

Kategorien: Freie Software

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28. August 2007, 10:48 Uhr   4 Kommentare

1 StefanMz (28.08.2007, 13:31 Uhr)

Con Kolivas ist nun gerade nicht ein Beispiel für einen Prosumer (Konsument = Produzent), sondern für einen User (Konsument), der zum Kernel-Hacker (Produzent) geworden ist. Aber sei’s drum, dramatisch an der Story ist die Kommunikations-Katastrophe, die — dem Bericht zufolge — im Kernel-Entwicklungsbereich herrscht. Von außen gesehen.

Mich würden allerdings die Gründe genauer interessieren, warum Entwicklungen eines neuen (fairen, deterministischen) Schedulers abgelehnt werden. Ich kann das vergleichen mit meinen eigenen Erfahrungen. Bei unserem Projekt ging es oft um den Widerspruch von kurzfristigen Optimierungen (Hacks) und mittelfristigen Refaktorisierungen (strukturelle Änderungen) — ganz zu schweigen von langfristigen Redesigns. Bei uns war das stets ein Ressourcenproblem. Da kommen dann in der Tat äußere Interessen schnell zum Tragen – etwa die Interessen der Firmen, die Entwickler bezahlen, im Falle des Kernels.

2 benni (28.08.2007, 14:13 Uhr)

@Stefan: Ich verstehe nicht, wieso er kein Prosumer sein soll. Wie soll denn das anders gehen als in Form einer Entwicklung vom User zum Kernel-Hacker?

3 Matti (28.08.2007, 14:32 Uhr)

Zu den Gründen, warum Linus Torvalds den CFS Scheduler von Ingo Molnar gegenüber den SD Scheduler von Con Kolivas bevorzugt, steht mehr in diesem Pro-Linux Artikel.

4 StefanMz (28.08.2007, 14:33 Uhr)

Ich verstehe nicht, wieso er kein Prosumer sein soll.

Weil Prosumer so definiert ist, dass Konsumtion und Produktion zusammenfallen. Jemand wird also als Konsument zum Produzenten. So habe ich das verstanden. Con Kolivas hat hingegen die Seiten gewechselt bzw. wechselt hin und her. — Aber wie geschrieben: Wie man das Ding nennt, ist nicht das Wichtige.

Vielleicht habe ich aber auch das Prosumerdings auch nie richtig verstanden. Deswegen hatte ich auch keine „Prosumerträume“.

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