Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Powers and repositories – Ubuntu and Debian

Lars Risan, ein norwegischer Anthropologe hat sich auf die Suche danach gemacht, was FOSS Projekte zusammenhaelt – oder eben nicht. Ich habe seinen Text (14 Seiten, englisch) noch nicht ganz gelesen, er scheint mir aber relevant fuer alle, die FOSS als sozio-technisches Phaenomen besser verstehen wollen. Er weist darauf hin, dass charismatische Persoenlichkeiten (Maintainer) nur einen Teil des Zusammenhalts herstellen. Der andere ruehrt v.a. in grossen Projekten von der „buerokratischen“ Organisation (im Sinne Max Webers) durch Technologie: Repositories und verwandte Werkzeuge verhindern oder unterstuetzen Kooperation.

Kategorien: Freie Software, Medientipp

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30. Januar 2007, 00:44 Uhr   1 Kommentar

1 StefanMz (30.01.2007, 16:31 Uhr)

Danke für den interessanten Hinweis!

Der Weber’sche Rahmen, den der Autor verwendet, liegt um ein sehr konkretes Problem, das mir bislang nicht bekannt war: Es geht um die Akkumulation von Software und Wissen (Übersetzungen) durch Canonical (der Firma hinter Ubuntu) ohne diese Akkumulation wiederum frei zugänglich zu machen. Launchpad (die Versionsverwaltung) und Rosetta (das Übersetzungssystem) sind nicht Freie Software.

Risan erklärt die Probleme, die daraus entstehen, sehr eindringlich am Beispiel der Übersetzungen für K/Ubuntu. Übersetzungen brauchen Repositories. Gibt es davon mehrere (zu einer bestimmten Sprache), so müssen zwei Dinge geklärt werden: 1. Auf welchen Quellen und bisherigen Übersetzungen setzt mein Repository auf, sprich: Welche andere Repositories werden als Quell-Repositories verwendet; 2. Stelle ich meine Übersetzungen wiederum „upstream“ zur Verfügung, d.h. können andere meine Übersetzungen nutzen.

Rosetta unterstützt beides nicht. Das bedeutet, die Übersetzungen, die in Rosetta gemacht werden, überschreiben unter Umständen diejenigen anderer Teams, die etwa SVN verwenden. Das ist nicht nur Doppelarbeit, sondern auch frustrierend. Außerdem fungiert Rosetta nicht als Upstream-Repository, d.h. andere Übersetzungen können die geleistete Arbeit nicht nutzen.

Risan zeigt sehr schön, dass auch sozial dahinter unterschiedliche Kommunikationsmodelle stehen. Zentral wichtig für Übersetzungen sind Real-Life Meetings, bei denen Newbies praktisch in die Tools eingeführt werden können, direkte Kommunikation und eine Menge anderer sozialer Prozesse stattfinden, die helfen, Übersetzungen auch nach dem Meeting qualitativ gut und verläßlich fortzusetzen.

Rosetta hingegen hat eine niedrige Eintrittsschwelle (wohl ein gutes User-Interface – ich kenne es nicht) und ermöglicht es „vorbei kommenden“ Usern mal eben was zu übersetzen. Diese Übersetzungen sind u.U. nicht so guter Qualität, und der/die Übersetzer/in bekommt nicht mit, wohin die Übersetzungen eigentlich gehen. Ferner gibt es ein Bestätigungsmechanismus durch autorisierte Personen, der dazu führt, dass Übersetzungen u.U. gar nicht oder nur verzögert in die Produkte einfließen. Und drittens schließlich, ist es – der Beschreibung nach – in Rosetta nur extrem schwer möglich, „vertikale Konsistenzprüfungen“ vorzunehmen (also „quer“ zu allen Strings zu gucken, ob ein bestimmtes englisches Wort konsistent übersetzt wurde), was für die Qualitätsprüfung aber unerläßlich ist.

Der Autor erklärt das alles sehr freundlich, gewogen, aber auch unsicher („Irgendwas stimmt da nicht…“) — als ich das las, was ich doch eher empört. Shuttleworth (der Eigentümer von Canonical) erklärt dazu, dass Launchpad und Rosetta irgendwann einmal frei gegeben würden, aber heute stünde man eben im Wettbewerb mit RedHat, Progeny und Co. Eine Freigabe werde wohl erst dann geschehen, wenn Canonical/Ubuntu der einzige Spieler am Markt sei, meinte dazu treffend der Debian-Entwickler Anthony Towns.

Zwar nennt auch der Autor die Ambitionen von Canonical „imperialistisch“ vergleichbar denen von Microsoft und Google, aber „evil“ möchte er das Verhalten dann doch nicht nennen. Warum er am Ende das Ganze nicht als ökonomisches, sondern als (nur) „demokratisches Problem“ einschätzt, ist mir schleierhaft geblieben. — Kommt diese Verwirrung dabei raus, wenn man das „mit Max Weber“ denkt? Dabei ist der Fall Launchpad/Rosetta geradezu ein Musterbeispiel dafür, was „Verwertungslogik“ praktisch bedeutet: Exklusion von anderen, Akkumulation von Macht, Verdrängung, Unterordnung (von Debian), Reduzierung von Kooperation.

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