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Leo Kofler

Einen interessanten Überblicksartikel über das Werk Leo Koflers bringt Linksnet anlässlich seines bevorstehenden 100. Geburtstages. Für uns daran vielleicht interessant: Der Versuch, Marxismus und Anthropologie zu versöhnen und ein Menschenbild, dass nicht nur Arbeit kennt, sondern auch Spiel.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Medientipp, Theorie

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7. Januar 2007, 08:38 Uhr   10 Kommentare

1 Christian (07.01.2007, 11:04 Uhr)

Schöner Text. Wobei mir die dort getroffene Unterschiedung zwischen „rational“ und „irrational“ nicht einleuchtet:

Der Mensch ist also nicht nur durch das verändernde Tun, durch rationale und auf Ziele gerichtete Tätigkeit zu bestimmen, sondern auch […] durch jenes sich im wesenhaft „irrationalen“ Eros ausdrückende aufnehmende Genießen.
Der Mensch definiert sich für Kofler deswegen als ein „im schöpferischen Tun erotisch [in einem umfassenden, über die Sexualität weit hinausgehenden Sinne von Schönheit und freiem Spiel der menschlichen Wesenskräfte] genießende(r) und im Genuss sich tätig verwirklichende(r) Mensch“.

„Rational“ wäre also, nur überleben zu wollen, und alles, was darüber hinaus geht (Genuss), ist „irrational“? Das leuchtet mir nicht ein…

In gewisser Weise ist das ja die Frage nach dem „Sinn des Lebens“, mit der Antwort, dass der nur aus uns selbst kommen kann. Evolutionär gesehen, ist Überleben natürlich notwendig, aber ansonsten gibt die Natur ja keine Ziele vor. Was wir darüber hinaus aus unserem Leben machen, hängt davon ab, was wir wollen, und ob wir es erreichen können. Irrational ist das nicht.

2 Florian Konnertz (07.01.2007, 11:27 Uhr)

DIese Unterscheidung ist oft ein gewagtes Konstrukt des Verstandes. Hier (Dein Zitat) heißt es genauer „auf ein Ziel gerichtet“, das ist schon eher rational als „zu überleben“, oder? naja… und das Schöne, warum das schön ist, das ist rational so gut wie nicht zu begründen, drum ist’s irrational.

3 StefanMz (07.01.2007, 13:02 Uhr)

@Christian: Da hast du den Punkt aufgriffen, den ich auch komisch finde und mir so erkläre: Kofler hat der verallgemeinerte Standpunkt erster Person, das „je ich“, gefehlt. Vom Standpunkt erster Person gibt es keine „irrationale“ Tätigkeit, sondern schlicht unterschiedliche Gründe. Danach zu fragen – was sind denn die Gründe – führt auf eine andere Schiene, nämlich die der intersubjektiven Verständigung (z.B. über den „Sinn des Lebens“), anstatt einer von außen zu bestimmenden Ir-/Rationalität. Letztlich, um das ideologiekritisch zuzuspitzen, ist die so verstandene „Ir-/Rationalität“ immer die der Warenform. Anyway.

Kofler ist aus meiner Sicht zu würdigen, weil er wirklich in den 80ern (an die ich mich erinnere) eine vermittelnde Rolle zwischen verschiedenen Fraktionen spielen konnte, die der Artikel ganz gut beschreibt. So war die Kritische Psychologie, zu der Kofler eine freundschaftliche Verbindung hatte, mit ihrem „anthropologischen Ansatz“ nicht gar so allein.

4 Thomas Kalka (07.01.2007, 21:52 Uhr)

Ich lese nebenbei [Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners] von Heinz_von_Foerster. In diesem hat er eine interessante Argumentation gegen unsere Vorstellung von Rationalität, die ungefähr so geht:

Menschliche Wertungen sind: ich ziehe A B vor, ich ziehe B C vor.
So müsste man annehmen ich ziehe A C vor, was empirisch aber wiederlegt werden kann.

Rationalität wird oft Zustands-unabhängig gedacht, Heinz von Foerster nennt das in „trivialen Maschinen“ denken. Triviale Maschinen haben immer die gleiche Input-Output-Relation. Alle interessanten Maschinen sind aber nicht-trivial.

Unter diesem Aspekt finde ich es überhaupt schwierig Menschen auf Rationalität festlegen zu wollen.

Welches Konzept hat die Kritische_Psychologie von Rationalität ?

5 StefanMz (08.01.2007, 10:21 Uhr)

@Thomas:

Welches Konzept hat die Kritische_Psychologie von Rationalität ?

Rationalität ist ein Konzept vom Standpunkt dritter Person. Die Kritische Psychologie ist eine Individualwissenschaft, bei der es darum geht, etwas vom Standpunkt erster Person zu sagen (also selbst). Deswegen wird Rationalität abgelehnt, um etwas über Menschen auszusagen. Stattdessen gibt es vom Standpunkt des Individuums stets Gründe. Gründe sind unhintergehbar, eben auch nicht durch „Rationalität“. – Beantwortet das deine Frage?

Daher finde ich die Argumentation v.-Foersters schwach, gewissermaßen in dem Rationalitätsmodus befangen, den er kritisiert. Eine „triviale Maschine“ ist ein Pleonasmus und keine Erkenntnis. Es gibt auch keine „nicht-trivialen Maschinen“. Was soll das sein? Oder meint er etwa Menschen damit?

6 StefanMz (08.01.2007, 10:31 Uhr)

Zum Beitrag „Frithjof Bergmanns Freiheitsbegriff“ gabs sowohl hier im Blog als auch bei Oekonux eine Diskussion. In der Oekonuxliste habe ich jetzt nochmal auf Christian geantwortet und dabei aus dem Text zu Kofler zitiert zur Frage des „Menschenbildes“.

7 benni (08.01.2007, 11:56 Uhr)

@Stefan: Ich verstehe nicht ganz, wie man „Rationalität“ ablehnen kann, aber „Wissenschaft“ hochhalten. Was sollte Wissenschaft anderes sein als ein spezifischer Rationalitäts-Erschaffungs-Prozess?

8 StefanMz (08.01.2007, 15:47 Uhr)

@benni: Rationalität wird ja nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern abgelehnt wird im üblichen (naturwissenschaftlichen) Rationalitätsmodus dritter Person etwas über Individuen auszusagen. Daraus folgt, dass die Individualwissenschaft einen anderen Diskurs- und Verallgemeinerungsmodus braucht. Es ist also nicht nur nicht angemessen, über Menschen wie über Maschinen zu reden, sondern auch erkenntnistheoretisch falsch. – Das ist btw. das dicke Problem der grassierenden „Hirndebatten“.

9 Christian Siefkes (16.09.2007, 11:13 Uhr)

In der aktuellen Jungle World ist ein langer Artikel über Koflers Leben und Philosophie erschienen. Wie alle Jungle-World-Beiträge steht der Artikel auch online: Der Kommunist als Einzelgänger.

10 benni (25.02.2008, 14:03 Uhr)

Bizarrer Nachlassstreit um Kofler: http://www.leo-kofler.de/

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