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Keimformen im Dienstleistungsbereich?

Gerade habe ich auf Grund einer Verlinkung im (auch lesenswerten) Artikel „Sozialpolitik oder bedingungsloses Grundeinkommen“ auf Emanzipation-oder-Barbarei einen Text von 2004 der Gruppe schöner Leben Göttingen gefunden, wo es auch um die Keimformfrage ging:

„Für den Aufbau von Keimformen scheint für uns hier ein der kapitalistischen Entwicklung entgegengesetztes Vorgehen sinnvoll: Während der Kapitalismus sich von den Grundstoffindustrien immer weiter in die menschliche Reproduktion eingegraben hat, so hat seine Aufhebung genau am anderen Ende anzusetzen. Am Anfang einer Aufhebungsbewegung steht also der Versuch, Dienstleistungen nicht-marktvermittelt im Rahmen freier Kooperationen zu organisieren. Die Frage nach kostenlosem Wohnen könnte im Rahmen einer neuen Squatting -Praxis angegangen werden.
Kostenlose Friseur-Dienstleistungen ließen sich ebenso relativ leicht außerhalb kapitalistischer Logik aufbauen wie Umsonstläden, Umsonstkneipen oder NutzerInnen-Gemeinschaften. So können Schritt für Schritt Felder freier Kooperation entstehen.“

Ich finde das sehr interessant, weil ich schon immer etwas skeptisch gegenüber dem Produktionsfetisch der Marxisten war. Mir stellen sich da zunächst mal folgende Fragen:

  1. Ist es denn wirklich so, dass sich der Kapitalismus von den Grundstoffindustrien ausgebreitet hat? War es nicht viel eher der Fernhandel?
  2. Ist das Ausgehen von Dienstleistungen denn wirklich „einfacher“? Wenn ja, warum? Weil man weniger Produktionsmittel benötigt? Ist das wirklich immer so?
  3. Macht es Sinn pauschal von Dienstleistungen zu sprechen? Hier scheinen eher einfache Dienstleistungen gemeint zu sein, nicht z.B. komplexe Beratertätigkeiten. Beide spielen aber in der globalen kapitalistischen Ökonomie sehr unterschiedliche Rollen.
  4. Wie ist das Verhältnis dieser einfachen Dienstleistungen zur informellen Ökonomie in Entwicklungsländern? Kann man da auch Keimformen finden?
  5. Was ist mit reproduktiver Arbeit und caring labour, die ja von ihrem Charakter her auch dienstleistungsähnlich sind? Keimformfähig auch wenn sie zu großen Teilen nicht direkt entlohnt werden? Oder gerade deswegen?
  6. Ist Wohnen überhaupt eine Dienstleistung?

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Gender, Theorie

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28. Juli 2007, 12:54 Uhr   6 Kommentare

1 Juli (28.07.2007, 15:38 Uhr)

@1

gute frage. aber zumindest wurde doch der bergbau vor den friseurdienstleistungen kapitalisiert, oder?!

@2
ich würde sagen: genau deshalb. die friseurdienstleistung braucht halt einen kamm und vielleicht einen fön sowie ein relativ überschaubares wissen. aber um einen computer zu bauen braucht es unterschiedlichste rohstoffe, sowie ziemlich komplexes und vielfältiges wissen.

@3
was wären denn beispiele für andere, komplexere dienstleistungen?

@4
naja, ob mensch die schon finden kann ist ja nochmal was anderes. in dem text geht es ja eher darum, sie aufzubauen. wobei sie sich – den teil hast du nicht zitiert – ja schon auch bewusst auf eine emanzipatorische transformationsbewegung beziehen sollten. und das gilt sicherlich für die informelle ökonomie im trikont eher selten. obwohl sie objektiv eine ähnliche funktion ausfüllt, da sie leerstellen besetzt, die von der kapitalistischen ökonomie nicht ausgefüllt werden (können?)

@5
ich würde sagen: bei keimförmiger tätigkeit geht es eben um die bewusste organisierung als freie und gleiche. dabei muss natürlich auch das, was bislang unter „ehrenamt“ oder „hausarbeit“ läuft, raustransformiert werden. aber eine strukturelle ähnlichkeit würde ich da sonst nicht sehen.

@6
die zur-verfügung-stellung von wohnraum, hätte ich gedacht, könnte eine dienstleistung sein. keine ahnung.

2 benni (28.07.2007, 16:23 Uhr)

@Juli: Achso, das richtige Bewußtsein ist der Knackpunkt, das war mir tatsächlich nicht so klar. Hm, das ist glaub ich nich so mein Ding, dafür hab ich schon zu viele unbewußte coole und sehr bewußte gruselige Projekte gesehn – womit umgekehrt jetzt auch nicht gesagt sein soll, Bewußtsein sei nicht nötig…

Mal Off-Topic: Wie ist eigentlich das Verhältnis von schöner leben göttingen zu 180-grad? Nachfolge? Spaltung? Personalunion?

3 StefanMz (28.07.2007, 21:40 Uhr)

Na, ich breche gerne eine Lanze für den „Produktionsfetisch“, ganz einfach deswegen, weil wir unser Leben herstellen (aka produzieren). So verstanden ist allerdings Dienstleistung nix anderes als eine bestimmte Form von „produzieren“, nämlich eine solche, wo Produzieren und Konsumieren zusammenfallen. — Vielleicht denkst du bei Produzieren eher an den „fordistischen Massenarbeiter“?

Bei Dienstleistungen würde ich unterscheiden zwischen personalen DL (Friseur z.B.) und nicht-personalen Dienstleistungen (Beratung z.B., personales Coaching mal ausgenommen). Personale DL finde ich keimformmäßig nicht interessant, weil auf der Ebene der unmittelbaren (eben personalen) Interaktion liegend. Interessanter fände ich, mal in Richtung transpersonaler DL zu überlegen, weil die potenziell verallgemeinerbar sind. Gibt’s denn zum Beispiel freies Consulting für Projekte? Ist das sinnvoll? Wäre es verallgemeinerbar? Wie?

4 benni (29.07.2007, 10:58 Uhr)

Ne, nicht an den fordistischen Massenarbeiter, aber zumindestens an Güter und Waren. Darüber läuft ja auch die ganze marxistische Analyse, auf Dienstleitungen passt die erstmal nicht wirklich (korrigier mich, wenn ich falsch liege). Und „unser Leben herstellen“ ist eine viel weiter gefasste Formulierung als „produzieren“. Natürlich kann man das miteinander verquirlen, aber dann verliert der Begriff jegliche Trennschärfe und alles ist Produktion (das machen dann die Postoperaisten).

IMHO sind viele Freie Projekte schon mindestens so sehr Dienstleistungs- wie Produktionsprojekte. Wikipedia ist das Beste Beispiel. Die große Leistung liegt ja gerade darin, dass alles immer wieder zu pflegen, zu warten, zu administrieren etc… da ist nicht mehr viel von einmalig herstellen und beliebig oft kopieren, vielmehr muß das ganze permanent produziert werden, also wird ein Dienst geleistet.

5 Juli (29.07.2007, 11:20 Uhr)

@richtiges-bewusstsein

naja, es gab ja auch schon ne reihe von projekten, die (in meiner wahrnehmung) genau das problem hatten. eine ganze reihe von alternativprojekten in den 70er und vor allem 80er Jahren hat m.E. genau das Problem gehabt: irgendwie wollte mensch mal was anderes machen, und am ende kam entweder der rückzug ins private (incl. der verabschiedung (anti-)politischer ansprüche) oder die eingliederung ins system („professionalisierung“). und da scheint mir tatsächlich der ausweg darin zu liegen, das projekte sich bewusst (anti-)politisch organieren.

also zwei sachen: (anti-)politisch und organisation

alles andere klingt mir doch zu sehr nach ‚historischem materialismus‘: die veränderungen der produktivkräfte sorgen schon – quasi von alleine – dafür, das die dinge sich zum besseren wenden. und das würdest du doch auch nicht behaupten wollen, vermute ich mal?

@offtopic

bei 180° macht ne ganze reihe von leuten mit, die ursprünglich aus dem SL-Zusammenhang kommen. Da es SL noch immer gibt, kann es keine Spaltung sein. Da es keine Doppelmitgliedschaften gibt, ist es auch keine Personalunion. Bleibt noch die Spaltung, obwohl die nie offiziell stattgefunden hat. Nennen wir es vielleicht „Ergänzungsprojekt“ *g*

6 keimform.de » Bewußt wie! (29.07.2007, 18:08 Uhr)

[…] der Diskussion zum Beitrag “Keimformen im Dienstleistungssektor” sind wir auf einen interessanten Punkt gestoßen: Die Frage, wie wichtig das bewußte […]

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