Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Imitate können Leben retten

Was das Geistige Eigentum auf dem G8-Gipfel betrifft, findet sich bei Spiegel Online eine perfide Argumentation:

Markenschutz steht ganz oben auf der Wunschliste der G-8-Staaten. Wer dabei bloß an Adidas-Turnschuhe, Rolex-Uhren und Gucci-Taschen denkt, verkennt das eigentliche Problem – gefälschte Medikamente stellen die größte Gefahr dar.

[…] im Gegensatz zu einer nachgemachten Rolex oder Gucci-Tasche stellen gefälschte Arzneimittel eine ernsthafte Gefahr dar. Umso alarmierender ist der dramatische Anstieg, den gerade dieses Segment der Produktpiraterie zu verzeichnen hat.

Nun ist der bloße Markenschutz (dass A sich nicht als B ausgeben sollte) ja relativ unumstritten (im Gegensatz zum Copyright- und Patentsystem), und das Problem würde überhaupt nicht erst entstehen, wenn jede/r sich die richtigen Präparate leisten könnte. Aber SpOn klagt dann doch lieber ganz pauschal über „Produktpiraterie“, ohne sich um solche Details groß zu kümmern.

Nach einer Schätzung der WHO sind zurzeit rund zehn Prozent aller Medikamente Fälschungen – im besten Fall sind es Imitate, schlimmstenfalls wirkungslose Attrappen oder sogar Gift.

Was SpOn nicht erwähnt, ist dass „richtige“ Imitate (die so wirken wie das Original) nicht nur der beste Art von Fälschung sind, sondern sogar besser als das Original – weil Menschen sie sich leisten können, für die das Original unerschwinglich wäre. Imitate und Generika können Leben retten – eine Perspektive, die bei SpOn (nicht überraschend) fehlt.

Kategorien: Eigentumsfragen, Feindbeobachtung

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6. Juni 2007, 11:30 Uhr   8 Kommentare

1 Albrecht Schmiedel (06.06.2007, 20:57 Uhr)

Nun ist der bloße Markenschutz (dass A sich nicht als B ausgeben sollte) ja relativ unumstritten

Ich fände es gut (aber schwer durchzusetzen :-), wenn dem
Imitieren, Kopieren, Nachmachen nur eine Grenze gesetzt würde:
Der Hersteller einer Ware muss wahrheitsgemäß seine Identität
offenbaren, z.B. in Form einer standardisierten Bezeichnung, mit
der jede Ware versehen sein muss.
Auch das ganze Branding, die Werbung, etc. sollte kopiert werden
dürfen, solange der Pirat in jedem Werbespot und in jeder Anzeige
seine Identität ausweist. Ich stelle mir das heilsam vor, für
alle Beteiligte …

2 Marcel (08.06.2007, 00:39 Uhr)

Medikamentenfälschungen sind ein ganz wichtiges Thema um hinterhältige Re-Importe aus Ländern stoppen zu können, wo deutsche Preise nicht zum Maximum an Profit führen.

„Tatsächlich verzeichnete das Bundeskriminalamt in den vergangenen 10 Jahren gerade einmal 27 Fälle von Medikamentenfälschungen mit Bezug zu Deutschland.“

Pfizer: Panikmache aus Profitgier

This Information is presented to you not by Spiegel Online and not sponsored by Pfizer. 🙂

3 Ingmar Redel (03.07.2007, 01:45 Uhr)

Markenschutz steht ganz oben auf der Wunschliste der G-8-Staaten. Wer dabei bloß an Adidas-Turnschuhe, Rolex-Uhren und Gucci-Taschen denkt, verkennt das eigentliche Problem – gefälschte Medikamente stellen die größte Gefahr dar.

nicht durch profit gier gefälschte pseudo medikamente stellen die größte gefahr dar (wenn gleich auch diese mehr als verächtlich sind), sondern durch patente nicht verfügbare lebensnotwendige medikamente für hunderte millionen arme menschen in aller welt: sogenannte generika.

da kann man nur wütend werden, wenn die tatsachen so verdreht werden, um mit einer sicher richtigen aussage die viel wichtigeren tatsachen zu verstecken, zu verdrehen.

Medikamenten Kampagne – Ärzte ohne Grenzen

Netzwerk Freies Wissen

4 Christian Siefkes (06.08.2007, 18:00 Uhr)

Telepolis hat sich jetzt auch das Themas angenommen: Tödliches Copyright:

Von der rigorosen Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte und einem verschärften Patentschutz bei Arzneimitteln profitieren vor allem Pharmaunternehmen aus den reichen Industrienationen. Auf der Strecke bleiben dabei arme Patienten in den Entwicklungs- und Schwellenländern […]

Die Pharmaindustrie rechtfertigt die hohen Preise ihrer Produkte mit den immensen Forschungs- und Entwicklungskosten. Als Konsequenz konzentrieren sich viele Firmen auf die Herstellung von Wirkstoffen für die Behandlung profitabler Krankheiten in den Industrieländern. Für viele vermeidbare Krankheiten in den ärmsten Regionen der Erde fehlt es so an geeigneten und bezahlbaren Impfstoffen und Medikamenten.

Als Reaktion auf diese unhaltbare Situation begann die Organisation Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2002 in Zusammenarbeit mit der WHO mit der Entwicklung eines vollständig öffentlich finanzierten und patentfreien Malaria-Medikaments mit dem Namen FACT (Fixed-Dose Artesunate Combination Therapy). Zwei Jahre später wurde das Projekt von der Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDi) übernommen. Im März dieses Jahres wurde das fertige Medikament für den afrikanischen Markt vorgestellt und seine Zulassung in 27 Ländern beantragt. […]

Es bleibt zu hoffen, dass das Beispiel Schule macht und noch viele öffentlich finanzierte und patentfreie Pharmazeutika zur Behandlung vernachlässigter Krankheiten und der Immunschwäche HIV/AIDS in Zukunft folgen werden. Wenn nicht, könnte eine Entwicklung eintreten die Thomas Gebauer von medico international so beschreibt: „Ohne eine grundlegende Änderung des bestehenden Forschungsmodells werden künftig eher Arzneimittel für Katzen entwickelt als Impfstoffe gegen HIV/AIDS.“

5 keimform.de » Der Medico-Hack (06.08.2007, 22:56 Uhr)

[…] berichteten ja bereits über die Probleme mit Patenten auf Medikamente. Medico International hat nun eine […]

6 Schuhe (01.01.2009, 01:07 Uhr)

Wenn es um nebensächliche Fälschungen geht, wie Handtaschen, oder Schuhe, tja da geht es wenigstens nur um den Profit der Hersteller. Wenn es um Medikamente geht, da hört sich der Spaß echt auf. Ich habe eine amerikanische Dokumentation gesehen, bei der aufgezeigt wurde, daß es einem sogar in normalen Apotheken passieren kann, daß man eine Fälschung bekommen kann. Nachdem so viele Zwischenhändler existieren, werden nicht nur die Medikamentenpreise extrem hoch, es ist auch leicht möglich, daß gefälschte Medikamente in den Handel kommen

(admin-edit: Link auf Markenschuhwerbung entfernt)

7 benni (01.01.2009, 11:58 Uhr)

@Schuhe: Das ist aber kein Problem der Fälschung, sondern der schlechten Qualität. Es passiert ja auch immer wieder, dass Markenmedikamente schlechter Qualität sind und deshalb Leute sterben. Umgekehrt gibt es auch „Fäschungen“ ausgewiesen guter Qualität, die aber Leben retten, weil sich die Menschen die Originale nicht leisten können. Wie wir ja auch schon oft berichtet haben. Fazit: Geh nicht der Werbung der Pharmaindustrie auf den Leim, das hat so nichts miteinander zu tun.

8 StefanMz (01.01.2009, 12:10 Uhr)

@Schuhe: Der Schluss kann nur sein, Patente auf Medikamente zu verbieten und Generika transparent und unter öffentlicher Kontrolle zu produzieren. »Open Source« bei Medikamenten würde sicher auch die Qualität der sog. Marken-Medikamente verbessern.

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