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Fundi-Liberale gegen geistiges Eigentum

Es gibt eine Strömung im Liberalismus, die sich gegen das »geistige Eigentum« ausspricht. In den USA heißen sie »Libertarians«, in D-Land verwahren sich viele Anarchisten davor, den Begriff »Libertäre« für diese Strömung des fundamentalen Liberalismus bzw. Anarchokapitalismus zu verwenden. Interessant an dieser Strömung ist, dass sie im Gegensatz zum Neoliberalismus gegen Konzept und Praxis des »geistigen Eigentums« als Monopolrecht ist und folglich Patente, Copyright, Markenschutz etc. ablehnt.

Ein Beispiel dafür ist der Artikel »Is Intellectual Property the Key to Success?«, in dem es heisst:

»…was dir in einem freien Markt nicht erlaubt ist, ist Gewalt bei dem Versuch zu nutzen, künstliche Knappheit zu erzeugen, was in der Tat geistiges Eigentum tut. Benjamin Tucker sagte im 19. Jahrhundert, dass es — wenn du deine Erfindung für dich behalten möchtest — nur die Möglichkeit gibt, sie aus dem Markt raus zu halten.« (eigene Übersetzung)

Dieser Schluss basiert auf folgender Annahme:

»Wahres Eigentum ist knapp. Die Gegenstände von geistigem Eigentum sind nicht knapp.«

Diese Kennzeichnung von stofflichen Gütern (»wahres Eigentum«) als »knapp« und nicht-stofflichen Gütern (»geistiges Eigentum«) als »nicht-knapp« liegt auch den meisten »gemäßigten« Kritiken des »geistigen Eigentums« zu Grunde. Sabine Nuss hat diesen scheinbaren »naturgegebenen« Gegensatz in ihrem Buch »Copyright & Copyriot« auseinander genommen und kritisiert — allerdings nicht konsequent genug wie ich meine.

Interessant wie gleichzeitig bestürzend finde ich die Tatsache, dass die soziale Fantasie offensichtlich nicht ausreicht, aus der Produktion und Verteilung stofflicher und nichtstofflicher Güter gewissermaßen umgekehrt den Markt rauszuhalten. Die Empfehlung von Tucker aus dem 19. Jahrhundert, seine Erfindung nicht auf den Markt zu bringen, adressiert ja eigentlich die Klage der Unternehmer über Kopisten, die Profit mit der fremden Erfindung machen. Es geht also nicht darum, »eine Erfindung für sich zu behalten«, sondern um die Angst, dass man selbst mit seiner eigenen Erfindung wegkonkurriert wird. Unter Bedingungen, unter denen sich strukturell die Einen nur auf Kosten der Anderen durchsetzen können, ist eine solche Angst völlig nachvollziehbar.

Unter Bedingungen jedoch — und hier setzt mein Ruf nach sozialer Fantasie ein — unter denen sich die Einen nur dann entfalten können, wenn sich auch die Anderen entfalten, sieht die Beziehung von mir zu diesen Anderen schon ganz anders aus. Sie ist völlig anders strukturiert. Meine Erfindung, die ich nicht für mich behalten will, kommt nur dann zur Geltung — und mit ihr ich selbst –, wenn Andere sie aufgreifen und umsetzen. Dies gilt umso mehr in einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft, wo eigentlich sowieso jede/r auf jede/n angewiesen ist. Statt uns gegenseitig zu belauern und misstrauisch zu begegnen, bringt uns Offenheit insgesamt weiter. Das allerdings geht nur ohne Markt. Wie bei Freier Software, zum Beispiel.

[via open…]

Kategorien: Eigentumsfragen, Feindbeobachtung

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25. August 2007, 22:41 Uhr   5 Kommentare

1 Joachim Jakobs (27.08.2007, 11:56 Uhr)

Hallo Stefan,

anbei meine Überlegungen zum Thema „geistiges Eigentum“. „Geistige Armut“ gefällt mir eigentlich besser:-)

Gruß JJ

PS: Freie Software und Marktwirtschaft schließen sich nicht aus! Im Gegenteil: Freie Software macht den Markt erst möglich. Proprietäre Software stattdessen führt zu Monopolen.

2 StefanMz (27.08.2007, 13:34 Uhr)

Hi Joachim, danke für den Link zu deinem Artikel. Interessant, aber dennoch problemtatisch fand ich die Überlegung, Softwareentwicklung nicht als „Produktion“ im Sinne der klassischen industriellen Produktion zu bezeichnen (resp. die Software selbst nicht als „Produkt“). Als was denn dann?

“Geistige Armut” gefällt mir eigentlich besser

Hm, mir nicht. Denn auch unter proprietären Bedingungen wird gesellschaftlicher Reichtum hergestellt — das sollten wir nicht denunzieren. Korrekt ist eigentlich „geistiges Monopolrecht“.

Freie Software und Marktwirtschaft schließen sich nicht aus!

Das ist auf jeden Fall richtig — unabhängig, ob man das gut findet (wie viele) oder nicht (wie z.B. ich). Aber sehr innig ist die Beziehung von Freier Software und Markt nicht, sie kann einen Voraussetzung von Markt sein, was du ja auch schreibst:

Freie Software macht den Markt erst möglich.

Das ist richtig im Sinne eines freien Guts, das alle nutzen können, um darauf dann irgendeine Form von Knappheit zu satteln, mit dem dann Geschäfte gemacht werden können. Freie Software selbst ist nicht marktfähig, ist nicht knapp und daher kein Wirtschaftsgut. Und das ist auch gut so:-)

3 Mutti666 (21.01.2008, 00:00 Uhr)

Eine Frage: Was ist mit denen, die einfach nur im Zwischenraum leben? Das eine ist wahrlich das Mitmachen, das andere nur Miete und Raum und Futtern oder so. Beispiel: Eine Hantel Bank, die super aussieht aber nicht funktioniert, weil der Typ, der sie gebaut hat nie gehantelt hat.
2. Typen, die gerne mitwachen wollen aber am Ende alles selbst machen müssen, weil Überredungskunst, Motivation und Zeit-Investment nichts gebracht haben.
3. Ausgebildete Künstler, die das geworden sind , was zwar gesellschaftlich korrekt ist aber nicht künstlerisch meinen Staatsauftrag erfüllt hat. (Joke).
4. Subjekte, die meinen sie könnten Energien einfordern und etwas in Bewegung bringen durch Entleibung?
Vertrauen ist ein langer Prozess, denke ich mal so mal so. Es gibt ne Menge, die gerne einbezogen sein würden.
Bei mir sind schon einige drauf gegangen, unfreiwillig.

4 StefanMz (15.02.2008, 16:26 Uhr)

Eine weitere sehr ausgefeilte liberale Argumentation haben Michele Boldrin and David K. Levine geschrieben: »Against Intellectual Monopoly«. Sehr hübsch darin die Geschichte der »Erfindung« der Dampfmaschine gleich am Anfang in der Einleitung.

5 axel (20.07.2009, 17:20 Uhr)

Hi Joachim, danke für den Link zu deinem Artikel. Interessant, aber dennoch problemtatisch fand ich die Überlegung, Softwareentwicklung nicht als “Produktion” im Sinne der klassischen industriellen Produktion zu bezeichnen (resp. die Software selbst nicht als “Produkt”). Als was denn dann?

Softwareentwicklung ist imho eine kreative Handwerkskunst und steht somit dem Handwerksgeist deutlich näher als den Konzepten der industriellen Fertigung. Dass dies von den meisten Softwareentwicklern so gesehen oder gelebt wird und klassische Softwareprojektmanagement jedoch vorwiegend Managementmethoden mit Ursprung in der industriellen Fertigung einsetzen führt in der Praxis zu massiven Reibungspunkten an der Schnittstelle und letztendlich zu qualitativen wie quantitativen Einbußen in der Umsetzung.

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