Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Eine Welt ohne Urheberrecht

Hätte ich ja nicht gedacht, dass eine Forderung, die mal auf keimform.de gepostet wurde, so schnell aufgegriffen wird: Make Copyright History. Die »Süddeutsche« bringt den Artikel »Krieg den Palästen, Friede den Künstlern!«, der Autor kann sich durchaus »Eine Welt ohne Urheberrecht« vorstellen. Auch wenn das nicht wirklich jemand kapiert (siehe die Kommentare beim Artikel), manchen ziemlich unwohl dabei wird und der Autor die Geldlogik kein bisschen überschreitet — auch wenn das alles so ist, ist es trotzdem sehr gut, dass der Artikel erschienen ist (inkl. einer zugespitzten Kritik an Creative Commons).

Die Diskussion um die Abschaffung des Urheberrechts steht auf der Agenda. Sie ist Ausdruck der Tatsache, dass der Selbstentwertungsprozess im Kapitalismus dadurch voranschreitet, dass immer mehr Güter zu Universalgütern werden, die letztlich ihr Warendasein verlieren werden (schon klar, dass viele das gar nicht so sehen — diskutieren wir ja noch drüber in Bälde). Gleichzeitig klammern sich, na ja: eigentlich fast alle an die Geldlogik. Auch der Artikel schlägt den KünstlerInnen nur eine radikalisierte entsicherte neoliberale Version des Hauens und Stechens auf völlig befreiten Märkten vor — interessant wie der Autor ein paar (vermeintliche) Seitenhiebe auf den Neoliberalismus einsetzt, um sein wesentlich radikaleres Selbstverwertungsmodell zu begründen.

Es gibt kein Zurück zum Heile-Welt-Fordismus mit funktionalem Urheberrecht. Jetzt die Abschaffung des Urheberrechts zu fordern, bringt die Widersprüche auf den Tisch: Innerhalb der Geldlogik ist nichts mehr zu holen, wie aber soll es dann gehen? Grundeinkommen? Kulturflatrate? Mir scheint, da ist nichts zu machen. Die Verwertungs- und Geldlogik selbst steht zur Disposition — vermutlich schneller, als uns lieb ist, haben wir doch keine praktischen flächendeckenden Alternativen zur Hand. Man kann sich die Widersprüche nicht aussuchen. Wir sollten sie auf jeden Fall nicht mehr verdrängen, sondern offen darüber reden.

Kategorien: Eigentumsfragen, Freie Inhalte

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30. Mai 2007, 10:28 Uhr   8 Kommentare

1 Christian Siefkes (30.05.2007, 11:14 Uhr)

Jetzt die Abschaffung des Urheberrechts zu fordern, bringt die Widersprüche auf den Tisch: Innerhalb der Geldlogik ist nichts mehr zu holen, wie aber soll es dann gehen? Grundeinkommen? Kulturflatrate? Mir scheint, da ist nichts zu machen. Die Verwertungs- und Geldlogik selbst steht zur Disposition — vermutlich schneller, als uns lieb ist, haben wir doch keine praktischen flächendeckenden Alternativen zur Hand.

Tja, wenn solche Diskussionen über das Urheberrecht tatsächlich dazu führen würden, dass mehr Leute anfangen, die Verwertungs- und Geldlogik als Ganze in Frage zu stellen, wär’s natürlich schick!

Nur leider ist davon ja bislang nicht viel zu sehen, wie du ja auch schreibst – diskutiert wird eben, ob Künstler und Kreative sich auch ohne Copyright selbstverwerten können oder ob sie das Copyright dafür brauchen. Oder als dritte Möglichkeit vielleicht bestenfalls noch, ob man nicht auf die Selbstverwertung anderer zurückgreifen kann (Grundeinkommen, Kulturflatrate). Von Infragestellen der gesamten Verwertungslogik ist leider (außerhalb dieses Blogs und verwandter Projekte) weit und breit nichts zu sehen…

Aber es stimmt schon – damit das passieren kann, bräuchte es Alternativen, und die fehlen. Ich arbeite dran 🙂

2 StefanMz (30.05.2007, 12:07 Uhr)

@Christian: Ja, du hast recht, es wird ja nicht mal über die Verwertungslogik geredet, geschweige denn kritisch. Darin sehe ich unsere Rolle: Reintragen von Fragen, die weitergehen. Urheberrecht-abschaffen oder die von mir gepostete Hidden-Agenda auf der re:publica07 sind solche Orte. Allerdings werden einem dann natürlich die Fragen um die Ohren gehaun: „Na, wie denn aber dann?“. Das eigene Leben klebt nun mal an der Logik. Aber Rettung ist ja in Sicht:

…bräuchte es Alternativen, und die fehlen. Ich arbeite dran:-)

Cool! Sag‘ Bescheid, wenn du es hast;-)

3 StefanMz (30.05.2007, 13:26 Uhr)

Btw: Der Autor des o.g. Artikels in der »Süddeutschen«, Joost Smiers, ist für seine Forderung nach Abschaffung des Urheberrechts schon länger bekannt: http://www.oekonux.de/liste/archive/msg06958.html

4 StefanMz (31.05.2007, 13:41 Uhr)

Zur „Zukunft des Urheberrechts“ fragte tagesschau.de die Grüne Mercedes Echerer — eher nix Neues: „Jede Revolution macht erst einmal Angst“

5 StefanMz (31.05.2007, 17:17 Uhr)

Auch mein-parteibuch.com möchte aus dem Urheberrecht aussteigen, und der Slogan gefiel offenbar: Make Copyright History. Ein Fuß in der Tür der SPD — ROFL

6 andrej (01.06.2007, 08:58 Uhr)

das problem mit den alternativen ist, dass man ihnen nicht traut und dann lieber in dem „funktionierenden“ welt-/wirtschaftsmodell sich gerne sein plätzchen sucht. und im rahmen dieser sind nun mal patente und copyright eine gutes mittel seine eigenen „investitionen“ zu schützen. (ist nicht meine haltung, versuche mich in den buerger zu versetzen ;)) was ich damit sage will: kritik am copyright alleine ist nicht weitreichend genung. kritik an dem wirtschafts/gesellschaftsmodell aber auch nicht. fuer eine gute argumentationsbasis muessten mehr alternative, neue ideen her. in parecon fand ich persönlich eine nette idee des wirtschaftens. vielleicht nicht optimal, aber gut für den einstieg. nettes modell um den leuten auch die alternative schmackhaft zu machen und niht eben nur das vorhandene negativ kommentieren…

7 musikdieb.de » Nochmal zu "Eine Welt ohne Urheberrecht" (05.06.2007, 08:12 Uhr)

[…] Auf Keimform.de wird anhand dieses Artikels die „Verwertungs- und Geldlogik“ in Frage gestellt. Der Autor scheint der Meinung zu sein, die Forderungen nach Abschaffung des Urheberrechts von Joost Smiers sind als neoliberal einzustufen, auch wenn er „ein paar (vermeintliche) Seitenhiebe auf den Neoliberalismus“ sieht. […]

8 SOPA, ACTA, Urheberrecht = Marktwirtschaft — keimform.de (11.02.2012, 12:03 Uhr)

[…] verständlich und menschenfreundlich hingegen wäre es, das Urheberrecht abzuschaffen. Doch das geht nicht so einfach, sagt Lischka. Es sei befremdlich, dass …die Kritiker niemals […]

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