Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Dezentralisierung wird Mainstream

Sieben Jahre, nachdem mein einstiger Chef Lucas Gonze die [Decentralization]-Mailingliste gegründet hat, in der Phänomene wie der damalige überwältigende Erfolg des ersten P2P-Filesharingsystems Napster erstmals unter dem Label „Dezentralisierung“ beschrieben und analysiert wurden, scheint dieser Begriff langsam Mainstream zu werden.

Sieht so die Wikipedia aus?Das US-amerikanische Autorenduo Ori Brafman und Rod Beckstrom hat dazu ein Buch „The Starfish and the Spider“ („Der Seestern und die Spinne“) vorgelegt, wo sie den „dezentralisierten“ Seestern der zentralisierten, hierarchischen Spinne entgegenhalten – und im „Seestern“-Modell die Zukunft sehen:

One thing that business, institutions, governments and key individuals will have to realize is spiders and starfish may look alike, but starfish have a miraculous quality to them. Cut off the leg of a spider, and you have a seven-legged creature on your hands; cut off its head and you have a dead spider. But cut off the arm of a starfish and it will grow a new one. Not only that, but the severed arm can grow an entirely new body. Starfish can achieve this feat because, unlike spiders, they are decentralized; every major organ is replicated across each arm.

But starfish don’t just exist in the animal kingdom. Starfish organizations are taking society and the business world by storm, and are changing the rules of strategy and competition. Like starfish in the sea, starfish organizations are organized on very different principles than we are used to seeing in traditional organizations. Spider organizations are centralized and have clear organs and structure. You know who is in charge. You see them coming.

Starfish organizations, on the other hand, are based on completely different principles. They tend to organize around a shared ideology or a simple platform for communication – around ideologies like al Qaeda or Alcoholics Anonymous. They arise rapidly around the simplest ideas or platforms. Ideas or platforms that can be easily duplicated. Once they arrive they can be massively disruptive and are here to stay, for good or bad. And the Internet can help them flourish.

So in today’s world starfish are starting to gain the upper hand. (Quelle)

Als Beispiele für dezentrale Organisationen nennen die Autoren Wikipedia, Craigslist und Skype, aber auch unerfreuliche Zeitgenossen wie die al-Qaida.

Wie die Testimonials zeigen, richtet sich das Buch wohl nicht zuletzt an Firmenchefs, denen es zeigen soll, wie sie durch (gemäßigte) Dezentralisierung konkurrenzfähig bleiben bzw. ihre Gewinne steigern können, und Militärs und Anti-Terror-Organisationen, denen es helfen soll, ihren Gegner besser verstehen und dadurch besser bekämpfen zu können. (Wobei das „Gegner besser verstehen und bekämpfen“ sicher auch für bestimmte Branchen wie etwa die Musikindustrie interessant ist.)

Allzu genau hinzusehen scheinen Brafman und Beckstrom dabei freilich nicht. So ist die Dezentralisierung in den von ihnen genanten Beispielen ja sehr unterschiedlich ausgeprägt. Anders als der Untertitel „The Unstoppable Power of Leaderless Organizations“ suggeriert, ist z.B. die Wikipedia nicht wirklich „leaderless“.

Und insbesondere bleibt im Falle aller kapitalistischer Unternehmen – wie etwa Napster, Kazaa, Skype, FON – immer noch ein zentrales Bottleneck, nämlich die Firma selbst. Ein „Single Point of Failure“, der angreifbar bleibt und dessen Verwundbarkeit den entsprechenden (Geschäfts-)Modell ja etwa im Falle von Napster und Kazaa auch schon zum Verhängnis geworden ist. Nachfolgesysteme wie Gnutella und BitTorrent bzw. Kademlia sind noch dezentraler geworden, aber gerade deshalb nicht mehr um eine Firma und ein Geschäftsmodell herum gebaut.

Diese partielle Blindheit der Autoren könnte allerdings systembedingt sein. Denn würden sie genauer hinsehen, müssten sie vermutlich zu dem Schluss kommen, dass die Zukunft, wenn es tatsächlich so kommt wie sie beschreiben, nicht mehr kapitalistisch sein wird – und diese Erkenntnis dürfte ihnen und ihrem Zielpublikum vermutlich nicht gefallen 😉 .

Einer der Autoren trägt am Dienstag abend im newthinking store in Berlin vor – dadurch bin ich auf das Thema gekommen. Könnte interessant werden – wenn ich hingehe und sich noch was Neues ergibt, werde ich berichten.

Kategorien: Feindbeobachtung, Medientipp, Soziale Netzwerke, Termine

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4. November 2007, 12:40 Uhr   4 Kommentare

1 Christian Siefkes (07.11.2007, 11:34 Uhr)

Der Vortrag war spannend. Rod Beckström war sich durchaus bewusst, dass die kommerziell erfolgreichen Modelle in der Regel nur semi-dezentralisiert sind – eher Hybride aus „Seestern“ und „Spinne“ als echte „Seesterne“. Und er meinte auch, dass Monetarisierung einerseits und Dezentralisierung andererseits eine schwierige Kombination ist, die nur selten gut geht. Was er allerdings weniger als generelles Problem oder gar als Chance für eine konsequenter dezentralisierte, nicht auf Wertverwertung basierende Gesellschaft ansah, sondern als Herausforderung für die wenigen talentierten Unternehmer, die es trotzdem hinkriegen.

Interessant (und etwas im Widerspruch dazu stehend) war sein Hinweis, dass auch die kommerziell erfolgreichen Angebot oft zunächst ohne kommerzielle Interessen (oder zumindest ohne erkennbare kommerzielle Interessen?) starteten und erst nachtraglich kommerzialisiert wurden – und dass sie andernfalls wohl auch nicht erfolgreich gewesen wären, weil die Community weggeblieben wäre. Er erzählte z.B., dass eBay zunächst als unkommerzieller Service gedacht war und erst anfing, Gebühren zu verlangen, um die Traffic-Gebühren ihres Providers bezahlen zu können.

Das Buch will ich bei Gelegenheit auch noch lesen, könnte sich lohnen.

2 benni (07.11.2007, 12:43 Uhr)

Das mit Ebay stimmt nur teilweise. Sie waren am Anfang werbefinanziert, das hat nur irgendwann wohl nicht mehr gereicht, aber IMHO durchaus von Anfang an kommerziell.

3 Tweets die Dezentralisierung wird Mainstream? Blogpost vom 04/11/2007 endeckt, der schon damals sagt, was nun Sache ist: #diaspora erwähnt -- Topsy.com (17.05.2010, 17:30 Uhr)

[…] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Christina Tieber erwähnt. Christina Tieber sagte: Dezentralisierung wird Mainstream? Blogpost vom 04/11/2007 endeckt, der schon damals sagt, was nun Sache ist: http://bit.ly/99smQ7 #diaspora […]

4 salzberg vs. zuckerberg « der bittersuessse blog (17.05.2010, 18:04 Uhr)

[…] knotenpunkte in diesem netzwerk sind die user selbst, nicht etwa eine zentrale stelle, über die beispielsweise nachrichten verschickt werden. das neue netzwerk verfolgt ein peer-to-peer konzept: „In real life, we talk to each other. We don’t need to hand our messages to a hub to have them handed to our friends. Our virtual life should work the same way.“, erklärt raphael sofaer, einer der vier informatikstudenten, die den eigentlich auf der hand liegenden einfall hatten. doch mit der idee der dezentralisierung sind die vier klugen köpfe nicht allein: schon viel früher arbeitet das bekannte web-telefonie-anbieter skype ebenfalls mit einem netzwerk ohne zentralisierung. auch wikipedia ist auf eine gewisse art und weise dezentralisiert. […]

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