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Copyfarleft und Copyjustright

Dmytri Kleiner, Mitgründer der Firma Telekommunisten und aufgetreten als Kritiker von Creative Commons, hat für das Mute-Magazin einen Aufsatz verfasst, in dem er seinen theoretischen Ansatz darstellt. Die nachfolgende Übersetzung stammt von mir, Fehler gehen auf meinen Deckel. Eine inhaltliche Diskussion des Aufsatzes folgt gibt es hier.

Copyfarleft und Copyjustright

Von: Dmytri Kleiner

Herausforderungen des traditionellen Copyright durch Peer-to-Peer Anwendungen, freie Software, Filesharing und Aneignungskunst haben eine weitreichende Debatte über die Zukunft des Copyright ausgelöst. Dmytri Kleiner überträgt vorhandene linke Kritiken materiellen Eigentums auf das Reich der copyleft-künstlerischen Produktion und fragt, wie Künstler ihren Lebensunterhalt innerhalb des vorhandenen Copyright-Regimes bestreiten können.

Im Bereich der Software-Entwicklung ist Copyleft ein ungeheuer wirkungsvolles Mittel beim Schaffen von Informations-Allgemeingütern geworden, welche all jenen nutzen, deren Produktion von ihnen abhängt. Jedoch bleiben viele Künstler, Musiker, Verfasser, Filmemacher und andere Informations-Produzenten skeptisch, dass ein Copyleft-System, in es dem jedem frei steht, ihre Arbeitsergebnisse zu reproduzieren, ihnen einen Lebenserwerb bieten kann.

Copyleft-Lizenzen garantieren die Freiheit des geistigen Eigentums, indem sie fordern, dass Wiederverwendung und Wiederverteilung der Informationen durch „die vier Freiheiten“ geregelt werden: die Informationen frei zu verwenden, zu studieren, zu ändern und erneut zu verteilen.

Jedoch ist Eigentum der Feind der Freiheit. Es ist Eigentum — die Fähigkeit produktive Werte in Distanz zu steuern, die Fähigkeit etwas zu „besitzen“, das zum produktiven Gebrauch durch eine andere Person eingesetzt wird –, das die Unterjochung von Personen und Gemeinschaften ermöglicht. Wo Eigentum herrscht, können die Besitzer knappen Eigentums das Leben verweigern, indem sie Zugang zum Eigentum verweigern oder, wenn, nicht sie völlig das Leben zu verweigern, machen sie das Leben zu dem von Sklaven ohne Bezahlung über ihre Reproduktionskosten hinaus.

David Ricardo hat zuerst die ökonomische Rente beschrieben. Vereinfacht ausgedrückt ist die ökonomische Rente ein Einkommen, das der Besitzer eines produktiven Guts nur deswegen erzielen kann, weil er es besitzt, ohne etwas zu tun, nur aufgrund des Besitzes. So ist die Rente die ökonomische Einnahme für das Überlassen des Eigentums zur Nutzung durch Andere. Was würde eine Person für die Existenzberechtigung bezahlen? Nun, sie würde alles, was sie produziert, zahlen minus ihrer Subsistenzkosten. Dies ist die grundlegende Verhandlungsposition, der wir uns alle gegenüber gestellt sehen, die wir in eine Welt geboren werden, die vollständig durch andere besessen wird.

DAS EHERNE LOHNGESETZ

Rente erlaubt Besitzern des knappen Eigentums, eigentumslose Arbeiter in die Subsistenz zu treiben, wie David Ricardo es in seinem „Ehernen Lohngesetz“ im Essay „Über Löhne“ erklärt: „Der natürliche Preis der Arbeit ist der Preis, der notwendig ist, um den Arbeitern zu ermöglichen, einen wie den anderen, zu existieren und ihre Gattung aufrecht zu erhalten.“

Subsistenz sollte nicht verstanden werden als das bloße Minimum, das zum Überleben und zur Reproduktion erforderlich ist. Auch zu Ricardos Zeit waren die meisten Arbeiter im Allgemeinen nicht in einer Situation, in der sie, wenn sie einen Penny weniger verdienten, sofort umfallen und sterben würden. Es ist eher so, dass Arbeiter per Definition nicht imstande sind, genug zu verdienen, um mehr als ihr Leben zu unterhalten.

Es wird häufig behauptet, dass das eherne Lohngesetz wegen des Unterschiedes zwischen dem theoretischen natürlichen „Preis“ und dem tatsächlichen Marktpreis der Arbeit nicht angewendet werden kann, aber dieses ist kein Argument gegen das eherne Gesetz. Solange Arbeiter nicht Eigentum haben, werden Lohnzunahmen durch die Preisinflation weggefegt, häufig als das Resultat der erhöhten Geldkonkurrenz für Standorte und steigenden Grundrenten. Das Verringern der realen Löhne durch Inflation als Alternative zum Verringern der Geldlöhne funktioniert wegen der „Geldillusion“. Wie John Maynard Keynes in seinem Text „The General Theory of Employment, Interest, and Money“ schreibt: „Es wird manchmal gesagt, dass es für die Arbeit unlogisch sei, wenn sie der Absenkung der Geldlöhne widersteht, aber einer Absenkung der realen Löhne nicht widersteht [… ] Erfahrungen zeigen, dass sich die Arbeit tatsächlich so verhält.“

Preis-Inflation, meistens in Form von ökonomischer Rente, verhindert, dass Arbeiter überhaupt genug erwerben, um selbst Besitz produktiver Güter anzusammeln, und hält sie abhängig von den Eigentümern.

Was das eherne Lohngesetz wirklich bedeutet, ist, dass Arbeiter als Klasse nicht Besitzer von Eigentum werden können und folglich auch nicht dem Zwang entkommen können, es den Eigentümern zu erlauben, sich das Produkt ihrer Arbeit anzueignen. Dieses erzeugt unterschiedliche Interessen zwischen „Eigentümern“ der knappen produktiven Güter und dem Rest der Gesellschaft.

In der modernen Form wird ökonomische Rente als etwas verstanden, das auf jedes knappe produktive Gut angewendet werden kann. Zu Ricardos Zeit war dies hauptsächlich Land. In seinem „Essay on Profits“ argumentiert David Ricardo: „Das Interesse der Grundbesitzer ist stets dem Interesse jeder anderen Klasse in der Gesellschaft entgegengesetzt.“[3]

Diese Opposition wird Klassenkampf genannt – ein Kampf derjenigen, die produzieren, gegen diejenigen, die besitzen. Sozialismus und alle anderen Bewegungen der „Linken“ starten mit dem Klassenkampf als Ausgangspunkt.

Sozialismus ist der Glaube, dass Produzenten selbst die Produktionsmittel besitzen sollten und dass Rente nichts anderes ist als Diebstahl der Eigentümer an den Produzenten. So argumentierte Pierre-Joseph Proudhon in seinem berühmten Markstein „Was ist Eigentum?“, veröffentlicht 1840: „Eigentum ist Diebstahl“.[4]

Eigentum ist nicht ein natürliches Phänomen, sondern eher etwas, das durch Gesetz erzeugt wird. Die Fähigkeit, eine Rente zu extrahieren, ist abhängig von der Fähigkeit, eine knappe Ressource zu kontrollieren — selbst, wenn sie vom jemand anderem genutzt wird. In anderen Worten: die Fähigkeit, diese andere Person zu zwingen, für sie zu zahlen. Oder, in Begriffen der Produktion ausgedrückt: sie zu zwingen, das Produkt ihrer Arbeit mit dem Eigentümer zu teilen. Steuerung auf Distanz.

Auf diese Weise ist Rente nur möglich, solange sie durch eine Macht gestützt wird, die den Eigentümern netterweise durch den Staat zur Verfügung gestellt wird. Ohne diejenigen, die Eigentum produktiv nutzen, zu zwingen, das Produkt ihrer Arbeit mit dem abwesenden und untätigen Eigentümer zu teilen, könnte der Eigentümer nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten, geschweige denn mehr Eigentum akkumulieren. So klagte Ernest Mandel in „Historical Materialism and the Capitalist State“ (1980): „Ohne die Gewalt des kapitalistischen Staates gibt es keinen sicheren Kapitalismus.“

Der Zweck des Eigentums ist sicherzustellen, dass eine besitzlose Klasse besteht, die den Reichtum produziert, den die besitzende Klasse genießt. Eigentum ist kein Freund der Arbeit. Dieses soll nicht bedeuten, dass einzelne Arbeiter nicht auch Eigentümer werden können, was aber bedeuten würde, ihrer Klasse zu entkommen. Einzelne Erfolgsgeschichten ändern nichts am allgemeinen Fall. So bemerkte Gerald Cohen geistreich: „Ich möchte mit meiner Klasse steigen, nicht über meine Klasse!“.

Die gegenwärtige globale Situation bestätigt, dass es nicht möglich ist, dass Arbeiter als Klasse Eigentum akkumulieren. Eine Studie des World Institute for Development Economics Research an der Universität der Vereinten Nationen berichtet, dass im Jahr 2000 das reichste 1% der Erwachsenen alleine 40% des globalen Vermögens besaß und dass das reichste 10% der Erwachsenen gar auf 85% des Weltvermögens kam.[5]

Die untere Hälfte der Welterwachsenbevölkerung besaß kaum 1% des globalen Reichtums. Umfangreiche Statistiken, viele zeigen die wachsende weltweite Disparität, sind Teil dieses Reports.

Dieser Kontext der großen Disparität des Reichtums und der Kampf zwischen den Klassen muss bei jeder Untersuchung des geistigen Eigentums berücksichtigt werden.

Geistiges Eigentum, einschließlich Copyright, ist die Ausdehnung des Eigentums auf immaterielle Güter, auf Informationen. Copyright ist eine rechtliche Konstruktion, die versucht, bestimmte Arten immateriellen Reichtums wie materiellen Reichtum zu behandeln, so dass es besessen, kontrolliert und gehandelt werden kann.

Es wird leider häufig gesagt, dass geistiges Eigentum es den Informations-Produzenten erlauben soll, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Um es zum Beispiel Musikern zu ermöglichen, Geld mit der Musik zu verdienen, die sie machen. Berücksichtigt man jedoch den Klassenkampf, so wird klar, dass, solange die besitzende Klasse Musik haben möchte, sie es Musikern zugestehen müssen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Zu diesem Zweck benötigen sie geistiges Eigentum nicht. Eher benötigen sie geistiges Eigentum, damit die Eigentümer, nicht die Musiker, Geld mit der Musik verdienen können, die von den Musikern gemacht wird.

In jedem Eigentumssystem können Musiker kollektiv nicht weitergehender über das Produkt ihrer Arbeit verfügen als es Arbeiter in einem Textil-Sweatshop können. Der Zweck des geistigen Eigentums, um meine frühere Aussage neu zu formulieren, ist, eine besitzlose Klasse sicherzustellen, die die Informationen produziert, von denen die besitzende Klasse profitiert. Geistiges Eigentum ist kein Freund des intellektuellen oder kreativen Arbeiters.

DAS EHERNE GESETZ DES COPYRIGHT-EINKOMMENS

Das System der privaten Kontrolle der Mittel von Publikation, Verteilung, Promotion und Medienproduktion stellt sicher, dass Künstler und alle weiteren kreativen Arbeiter nicht mehr als ihre Subsistenzmittel erwerben können. Ob du Biochemiker, Musiker, Software-Engineer oder Filmemacher bist: Du hast dein komplettes Verwertungsrecht an die Eigentümer übertragen, bevor diese Rechte einen realen finanziellen Wert für dich haben, die den Reproduktionskosten deiner Arbeit entsprechen. Das ist es, was ich das eherne Gesetz des Copyright-Einkommens nenne.

Es gibt jedoch wichtige Unterschiede zwischen geistigem Eigentum und physischem Eigentum. Physisches Eigentum ist knapp und rivalisierend während geistiges Eigentum kopiert werden kann, fast keine Reproduktionskosten hat und durch viele per Kopie gleichzeitig verwendet werden kann.

Es ist genau diese Eigenschaft der unbegrenzten Reproduzierbarkeit, die das Copyright-Regime erfordert, um Informationen in Eigentum zu verwandeln. Langfristig wird der Tauschwert eines jeden reproduzierbaren Guts aufgrund der Konkurrenz in Richtung seiner Reproduktionskosten getrieben. Da es wenige Sperren zum Reproduzieren eines Informationsgutes gibt, kann es keinen Tauschwert jenseits des Wertes der Arbeit und der Ressourcen haben, die erforderlich sind, um es zu reproduzieren. In anderen Worten, es hat langfristig keinen eigenständigen Tauschwert. So benötigen die Besitzer dieses Eigentums (nicht mit den Produzenten zu verwechseln) Gesetze, um diese Reproduktion zu verhindern. Nur wenn die Kopie für Andere illegal ist, können die Eigentümer eine Rente für das Kopierrecht einstreichen.

Während Eigentum selbst durch Gesetz erzeugt wird, sind materielle Güter von Natur aus knapp und rivalisierend. Weil jedoch kopierbare Informationen nur durch Gesetz knapp gemacht werden, können sie genauso gut per Gesetz zum Überfluss gemacht werden — was uns nun zum Copyleft bringt.

COPYLEFT UND COPYRIGHT

Informationen können ohne Copyright keinen Tauschwert haben, aber sie haben ohne Copyright zweifellos einen Gebrauchwert. Es gibt viele Informations-Produzenten, die motiviert sind, einen Gebrauchwert zu produzieren unabhängig davon, ob er auch Tauschwert verkörpern kann. Es ist daher keine Überraschung, dass sich die Idee des Copyleft in der Software-Entwicklung im Zuge des Aufstieges der freien Software-Gemeinschaft Bedeutung erlangte.

Software wird in der Produktion verwendet. Praktisch jedes Büro, jede Akademie und jede Fabrik beruht auf Software in ihrer Alltagsarbeit; für alle diese Organisationen kann der Gebrauchwert von Software im Verlauf ihrer normalen Produktion direkt in Tauschwert übersetzt werden, nicht jedoch, indem man direkt die Software verkauft, sondern indem man das tut, was auch immer das Geschäft ausmacht, das verkauft, was auch immer das Produkt ist, und Software benutzt, um die Produktivität zu erhöhen.

Für Software-Lizenzen zu zahlen und einschränkenden Bestimmungen solcher Lizenzen zuzustimmen, ist nicht in ihrem Interesse. So wie David Ricardo über Grundbesitzer sagte, ist das Interesse einer Software-Firma wie Microsoft stets dem Interesse eines jeden Software-Benutzers entgegengesetzt.

Die Organisationen, die Software nutzen, Schulen, Fabriken, Büros und E-Commerce-Unternehmen zusammen beschäftigen weit mehr Software-Entwickler als die wenigen Firmen, die wie Microsoft proprietäre Software verkaufen. So ist freie Software sehr attraktiv für sie, es erlaubt ihnen, ihre individuellen Entwicklungskosten zu reduzieren, indem sie zusammen einen allgemeinen Bestand an Software-Gütern pflegen.

Mikko Mustonen von der Helsinki School of Economics argumentiert sogar, dass manchmal Firmen, die proprietäre Lizenzen verkaufen, einen starken Anreiz haben, zur freien Software beizutragen. In seinem Papier von 2005 „When Does a Firm Support Substitute Open Source Programming?“ argumentiert Mustonen:

Eine Firma, die ein Copyright-Programm verkauft, hat einen Anreiz, die Copyleft-Programmierung zu unterstützen, wenn Kompatibilität zwischen den Programmen erreicht wird und die Programme Netzwerkeffekte zeigen.[6]

So wird der Gebrauchwert der freien Software durch Organisationen benötigt, die Software-Entwickler bezahlen können und das auch tun, obwohl sie kein exklusives Copyright daran haben.

Freie Software wurde jedoch nicht bloß als Weg begriffen, die Kosten unternehmerischer Software-Entwicklung zu verringern. Richard Stallman, der Erfinder der General Public Licence (GPL), unter der eine Menge freier Software freigegeben wird, schreibt auf seiner Organisations-Website:

Meine Arbeit an freier Software ist durch ein idealistisches Ziel motiviert: Freiheit und Kooperation zu verbreiten. Ich möchte dazu ermutigen, freie Software zu verbreiten, proprietäre Software zu ersetzen, die Kooperation verbietet, und auf diese Weise unsere Gesellschaft besser machen.[7]

Dieser Geist der Kooperation ist zweifellos nicht einmalig unter Software-Entwicklern, andere kreative Produzenten haben den Wunsch ausgedrückt, auf einem gemeinsamen Bestand zu arbeiten, einem „Allgemeingut“ intellektuellen Materials ihrer Praxis. Infolgedessen hat sich Copyleft über der Welt von Software hinaus in die Welt der Kunst bewegt. Musiker, Schriststeller und andere Künstler begannen, ihre Arbeit unter GPL-artigen Copyleft-Lizenzen freizugeben.

Es gibt jedoch ein Problem. Kunst ist in den meisten Fällen nicht ein allgemeiner Beitrag zur Produktion so wie es Software ist. Die Eigentümer unterstützen die Schaffung von Copyleft-Software aus den beschriebenen Gründen, in den meisten Fällen werden sie jedoch nicht die Kreation von Copyleft-Kunst befördern. Warum sollten sie? Wie alle kopierbare Information hat sie keinen direkten Tauschwert, und anders als Software hat sie grundsätzlich auch keinen Gebrauchwert in der Produktion. Ihr Gebrauchswert besteht nur unter den Anhänger der Kunst, und wenn die Eigentümer nicht Geld für ein Kopierrecht verlangen können, wozu sollte sie sonst gut sein? Und wenn Eigentümer nicht die Copyleft-Kunst unterstützen, die frei verteilt wird, wer sollte es sonst tun? Die Antwort ist unklar. In einigen Fällen werden es Institutionen wie private und staatliche Kulturstiftungen sein, aber diese können nur eine sehr kleine Zahl der Künstler unterstützen, und auch nur dadurch, indem sie zweifelhafte und schließlich ein wenig willkürliche Auswahlkriterien verwenden, die darüber entscheiden, wer eine solche Finanzierung empfängt und wer nicht.

Copyleft, wie es von der freien Software-Gemeinschaft entwickelt wurde, ist folglich für die meisten Künstler keine praktikable Option. Auch Software-Entwickler unterliegen dem ehernen Lohngesetz. Sie sind vielleicht in der Lage, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, jedoch nicht mehr, die Eigentümer werden gleichhwohl den vollen Wert des Produktes ihrer Arbeit einbehalten.

Copyleft ist folglich in jeglichem materiellen Sinn nicht in der Lage, die „Gesellschaft besser zu machen“, nicht nur, weil es für viele Arten von Arbeitern nicht praktikabel ist, sondern auch weil, die Mehrheit des Extra-Tauschwerts, der von den Produzenten der Copyleft-Informationen erzeugt wird, auf jeden Fall von den Eigentümern der materiellen Güter einbehalten wird.

Da es Copyleft den Arbeitern nicht erlaubt, Reichtum über ihre Subsistenzmittel hinaus zu akkumulieren, kann Copyleft alleine nicht die Verteilung der produktiven Güter verändern, nach der jede revolutionäre Strategie streben muss. Dennoch hat das Auftreten der freien Software sowie von Filesharing und der Kunstformen, die auf Sampling und Wiederverwendung basieren, ein ernstes Problem für das traditionelle Copyright-System verursacht.

Insbesondere die Musik- und Filmindustrien befinden sich in Mitten eines totalen Krieges gegen ihre eigenen Konsumenten, um sie am Downloading und Sampling ihres Eigentum zu hindern. Es ist klar, dass die digitale Netzwerktechnologie ein ernstes Problem für die Musik- und Filmindustrien darstellt.

In den früheren Stadien der freien Software-Bewegung reagierten die meisten Unternehmen, besonders die Software-Firmen, sehr negativ auf die Idee des Copyleft und versuchten, sie mit den gleichen aggressiven Taktiken zu bekämpfen wie bereits die Recording Industry Association of America (RIAA) und ihre Freunde Angriffe gegen die Filesharing-Gemeinschaft entfesselt hatten. Am berühmtesten waren die von der SCO-Gruppe betriebenen Rechtsverfahren gegen Firmen, die Linux verwenden oder fördern.[8]

Die Tätigkeiten von RIAA können als konservative Reaktion verstanden werden, ihre Interessen zu schützen. Jedoch glauben nicht alle Eigentümer, dass Rechtsverfahren die Ausbreitung der neuen Technologien stoppen können. Viele glauben, dass sich die Musik- und Filmindustrien anpassen müssen und dass das Urheberrechtsgesetz entsprechend der gewandelten Umgebung geändert werden muss.

COPYJUSTRIGHT

So wie das Kapital der Copyleft Software-Bewegung beitrat, um die Kosten der Software-Entwicklung zu verringern, so tritt das Kapital ebenso der vom Copyright abweichenden Kunstbewegung bei, um Filesharing und Sampling in ein anderes eigentumsbasiertes System der Kontrolle zu integrieren.

Copyleft erlaubt nicht die Extraktion einer Rente für ein Kopierrecht. Eigentümer wollen nicht das Eigentums-Regime in Frage stellen, sondern mehr Klassen und Unterklassen etablieren, damit Praxen wie Filesharing und Remixing innerhalb des Eigentum-Regimes existieren können. Mit anderen Worten, Copyjustright. Eine flexiblere Version von Copyright kann sich der modernen Verwendung anpassen, schließt aber letztlich weiterhin die Logik der Kontrolle ein und schützt sie. Das berühmteste Beispiel dieser Art sind die sogenannten „Creative Commons“ und seiner Myriaden „gerade richtig“-Lizenzen. „Some rights reserved“, das Motto der Site sagt alles.

Das eherne Gesetz des Copyright-Einkommens zeigt ganz offensichtlich, dass es nicht um die Schöpfer der Musik, der Videos und anderer lizensierter kreativer Arbeiten geht, für die „einige Rechte reserviert sind“, da Künstler keine Mittel haben, um mit mehr zu rechnen als den Subsistenzmitteln. Von den „einigen Rechten“, die reserviert sind, ist das primäre das der Schöpfer, den Besitz an diesen Arbeiten an die besitzende Klasse zu übertragen. Und zwar wann immer es die besitzende Klasse in ihrem Interesse sieht, die Eigentümerschaft zu übernehmen und das, selbstverständlich, vollständig zu den Bedingungen wie sie die besitzende Klasse diktiert.

Das eherne Gesetz wird illustriert in „Artists’ Earnings and Copyright“[9] von Martin Kretschmer, wo er feststellt: „der Schöpfer hat von der Exklusivität wenig zu gewinnen“ und in seiner Studie von 2006 „Empirical Evidence On Copyright Earnings“ [10] ausssagt: „Einkommen aus Nicht-Copyright und auch nicht-künstlerischen Tätigkeiten sind eine wichtige Einkommensquelle für die meisten Schöpfer“. Die Studie enthält viele alarmierende Statistiken, z.B. die Tatsache, dass 1994 die mittlere Zahlung der Performing Right Society (Großbritannien) an die Copyright-Inhaber bei £84 lag.

Also wenn weder Copyleft, Copyright noch Copyjustright das eherne Gesetz überwinden und den Reichtum der Künstler und anderer Arbeiter als Klasse erhöhen können, gibt es dann überhaupt irgendeinen Grund für einen Sozialisten, an Lizenzen des geistigen Eigentums interessiert zu sein?

Sozialisten befördern die Idee, dass der Reichtum gerechter und gleicher verteilt und durch die Leute gesteuert werden muss, die ihn produzieren. Möglicherweise ist das durch dezentralisierte, arbeitereigene Unternehmen, Kooperativen und Räte zu erreichen? Für die Sozialisten, die an Arbeiter-Selbstorganisation und allgemeingüterbasierte Produktion als ist Mittel des Klassenkampfes interessiert sind, ist die Antwort „ja“.

Aus dem gleichen Grund, aus dem kapitalistische Organisationen Copyleft-Software unterstützen, weil es ein allgemeinen Pool von Gebrauchwert repräsentiert, der in der Produktion angewendet werden kann, um Tauschwert zu erzeugen und Geld zu machen, kann die allgemeingüterbasierte Produktion und damit alle von Arbeitern selbstorganisierten Unternehmen ebenso von solch einem allgemeinen Pool der Copyleft-Kunst profitieren und kann Künstler in ihre Kollektivunternehmen einbeziehen und das resultierende Einkommen teilen.

So stellten die International Workers of the World in der Präambel ihrer Satzung (1905) fest:

Anstelle des konservativen Mottos „Ein fairer Tageslohn für einen fairen Arbeitstag“ müssen wir auf unser Banner die revolutionäre Losung schreiben: „Aufhebung des Lohnsystems“ und weiter: „Es ist die historische Mission der arbeitenden Klasse, den Kapitalismus zu beseitigen“. Die Armee der Produktion muss organisiert werden, nicht nur für täglichen Kampf mit den Kapitalisten, sondern auch, um die Produktion weiter zu betreiben, wenn der Kapitalismus besiegt worden ist. Indem wir uns industriell organisieren, bilden wir die Struktur der neuen Gesellschaft innerhalb der Hülle des Alten.

COPYFARLEFT

Damit das Copyleft ein revolutionäres Potential bekommt, muss es Copyfarleft sein. Es muss auf dem Arbeiterbesitz der Produktionsmittel beharren.

Um dies zu erreichen, kann eine Lizenz nicht aus einem einigen Satz von Regeln für alle Benutzer bestehen, sondern muss unterschiedliche Richtlinien für unterschiedliche Klassen haben. Insbesondere einen Satz an Regeln für diejenigen, die innerhalb des Kontextes von Arbeiterbesitz und allgemeingüterbasierter Produktion arbeiten, und einen anderen für die, die privates Eigentum und Lohnarbeit in der Produktion einsetzen.

Eine Copyfarleft-Lizenz sollte es ermöglichen, dass Produzenten frei teilen und den Wert ihres Arbeitsproduktes behalten, in anderen Worten, es muss für Arbeiter möglich sein, Geld zu verdienen durch Anwendung eigener Arbeit auf gegenseitig genutzes Eigentum. Es soll aber unmöglich sein für Eigentümer, Geld durch Nutzung von Lohnarbeit zu verdienen.

Unter einer Copyfarleft-Lizenz könnte also eine arbeitereigene Druck-Kooperative frei sein, die gemeinsame Anlage zu reproduzieren, zu verteilen und zu ändern wie sie mögen, während ein privates Verlagsunternehmen keinen freien Zugang haben würde.

Eine Tendenz in den Arbeiten von Pro-Copyleft Künstlern scheint in einem bestimmten Sinn damit vergleichbar zu sein. Die nicht-kommerziellen Copyleft-Lizenzen erzeugen zwei Regelsätze mit dem theoretisch endogenen (wurzelnd innerhalb der Allgemeingüter) „nicht kommerziellen“ Gebrauch, während exogener (wurzelnd außerhalb der Allgemeingüter) „kommerzieller“ Gebrauch verboten ist — ausgenommen durch vertragliche Regelung mit den ursprünglichen Autoren. Ein Beispiel solcher Lizenzen ist die Creative Commons Non-Commercial Share-Alike Lizenz.

Um jedoch endogene Allgemeingüter-Regeln zu erzeugen, müssen die Arbeiten selbst Teil der Allgemeingüter sein. Solange sich die Autoren das Recht vorbehalten, Geld mit dieser Arbeit zu verdienen und andere allgemeingüterbasierte Produzenten daran gehindert werden, das auch zu tun, kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Arbeit insgesamt überhaupt zu den Allgemeingütern gehört: Es ist private Arbeit. Als solche kann sie nicht endogene freie Allgemeingüter-Regeln haben, wie es eine Copyfarleft Lizenz erfordern würde. Dieses Problem des Erzeugens eines „Allgemeingüter-Vertrages“ für Arbeiten, die nicht wirklich einen Allgemeingüter-Bestand darstellen, ist typisch für den Copyjustright-Ansatz wie er durch die Creative Commons verkörpert wird.

Eine Copyfarleft-Lizenz muss eine allgemeingüterbasierte kommerzielle Nutzung erlauben, während gleichzeitig die Fähigkeit Lohnarbeit auszubeuten abgelehnt wird. Der Copyleft Non-Commercial-Ansatz macht weder das eine noch das andere: Er verhindert ein allgemeingüterbasiertes Geschäft, während die Ausbeutung von Lohnarbeit nur dadurch eingeschränkt wird, dass die Knete mit dem sogenannten ursprünglichen Autor zu teilen ist. Dies widerwindet in keiner Weise das eherne Gesetz, weder für die Autoren noch andere Arbeiter.

„Nicht-kommerziell“ ist keine passsende Weise, die notwendigen endogen-exogene Grenze zu beschreiben. Jedoch gibt es keine andere Commons-Lizenz, die einen verwendbaren rechtlichen Rahmen für allgemeingüterbasierte Produzenten bietet.

Nur eine Lizenz, die effektiv verhindert, dass entfremdetes Eigentum und Lohnarbeit in der Reproduktion der ansonsten freien Informations-Allgemeingüter eingesetzt wird, kann die Verteilung von Reichtum verändern.

Dmytri Kleiner <dk AT telekommunisten.net> ist ein anarchistischer Hacker und ein Co-Gründer der Telekommunisten, einer arbeitereigenen Technologiefirma, die auf Fernsprechsysteme spezialisiert ist. Dmytri ist ein in der UDSSR geborener Kanadier und wohnt z.Zt. mit seiner Frau Franziska und seiner Tochter Henriette in Berlin.

FUSSNOTEN

[1] David Ricardo,On the Principles of Political Economy, 1817. Available from: http://socserv2.socsci.mcmaster.ca/econ/ugcm/3ll3/ricardo/prin/prin1.txt

[2] John Maynard Keynes, The General Theory of Employment, Interest, and Money, 1936. Available at: http://www.marxists.org/reference/subject/economics/keynes/general-theory/

[3] David Ricardo An Essay on Profits, 1815. Available from: http://socserv.mcmaster.ca/econ/ugcm/3ll3/ricardo/profits.txt

[4] Available from: http://etext.virginia.edu/toc/modeng/public/ProProp.html

[5] James B. Davies, Susanna Sandstrom, Anthony Shorrocks, and Edward N. Wolff, The World Distribution of Household Wealth, http://www.wider.unu.edu/research/2006-2007/2006-2007-1/wider-wdhw-launch-5-12-2006/wider-wdhw-report-5-12-2006.pdf

[6] Available from: http://ideas.repec.org/a/bla/jemstr/v14y2005i1p121-139.html

[7] http://www.gnu.org/philosophy/pragmatic.html

[8] For more information see: http://en.wikipedia.org/wiki/SCO_Group#SCO-Linux_lawsuits_and_controversies

[9] Available at: http://www.firstmonday.org/issues/issue10_1/kretschmer/

[10] Available at: http://ipr.dime-eu.org/files/active/0/Kretschmer.pdf

Kategorien: Eigentumsfragen, Theorie

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14. August 2007, 14:21 Uhr   6 Kommentare

1 benni (14.08.2007, 16:11 Uhr)

In den früheren Stadien der freien Software-Bewegung reagierten die meisten Unternehmen, besonders die Software-Firmen, sehr negativ auf die Idee des Copyleft und versuchten, sie mit den gleichen aggressiven Taktiken zu bekämpfen wie bereits die Recording Industry Association of America (RIAA) und ihre Freunde Angriffe gegen die Filesharing-Gemeinschaft entfesselt hatten. Am berühmtesten waren die von der SCO-Gruppe betriebenen Rechtsverfahren gegen Firmen, die Linux verwenden oder fördern.[8]

Über den Rest kann man ja diskutieren, aber das ist einfach falsch. Der SCO-Angriff kam ja zu einer Zeit, als Linux schon groß war, deswegen gabs ja auch prompt den Gegenangriff von IBM. Was den allgemeinen Fall angeht: Zu den Zeiten als Freie Software entstanden ist, sind ja auch die Softwarefirmen überhaupt erst entstanden. Die sind durchaus zusammen groß geworden, auch wenn die breite Öffentlichkeit erst viel später auf Freie Software aufmerksam geworden ist.

2 mein-parteibuch.com » Alternative Gedanken zum Copyright-System (14.08.2007, 21:30 Uhr)

[…] von Telekommunist Dmytri Kleiner mit Titel “Copyfarleft and Copyjustright” ins Deutsche übersetzt. Mein Parteibuch möchte die Lektüre des Artikels insbesondere seiner publizierenden […]

3 keimform.de » Copyfarleft -- eine Kritik (16.08.2007, 17:16 Uhr)

[…] folgende Kritik von Dmytri Kleiners Aufsatz »Copyfarleft und Copyjustright« (Orginal erschienen im Mute-Magazin) hat drei Teile. Zunächst diskutiere ich die allgemeinen […]

4 StefanMz (16.08.2007, 17:18 Uhr)

Die Kritik an dem Aufsatz ist nun online.

5 Franz Nahrada (01.09.2007, 09:31 Uhr)

Kleiner wirft zumindest ein paar interessante Fragen auf:

Auch Software-Entwickler unterliegen dem ehernen Lohngesetz. Sie sind vielleicht in der Lage, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, jedoch nicht mehr, die Eigentümer werden gleichhwohl den vollen Wert des Produktes ihrer Arbeit einbehalten….weil die Mehrheit des Extra-Tauschwerts, der von den Produzenten der Copyleft-Informationen erzeugt wird, auf jeden Fall von den Eigentümern der materiellen Güter einbehalten wird.

Interessanter Punkt, der zu der Überlegung zwingt, wie sich die Entwertung durch die Universalguteigenschaft praktisch durchsetzt. Kleiner jedenfalls macht die Universalgütereigenschaft direkt an der Lizenz fest und nicht an der Potentialität des kopiert-werdens.

Anders als Software hat Kunst grundsätzlich auch keinen Gebrauchwert in der Produktion. Ihr Gebrauchswert besteht nur unter den Anhänger der Kunst, und wenn die Eigentümer nicht Geld für ein Kopierrecht verlangen können, wozu sollte sie sonst gut sein? Und wenn Eigentümer nicht die Copyleft-Kunst unterstützen, die frei verteilt wird, wer sollte es sonst tun? Die Antwort ist unklar. In einigen Fällen werden es Institutionen wie private und staatliche Kulturstiftungen sein, aber diese können nur eine sehr kleine Zahl der Künstler unterstützen, und auch nur dadurch, indem sie zweifelhafte und schließlich ein wenig willkürliche Auswahlkriterien verwenden, die darüber entscheiden, wer eine solche Finanzierung empfängt und wer nicht.

Kleiner hat hier einen sehr eingeschränkten Begriff von Kunst. Sie bezieht sich nur auf Manifestationen abstrakter Freiheit. Kunst als die Verfeinerung von Mustern, Verfahren, Arbeitsschritten kann aber auch selbst modular und algorhithmisch gedacht werden.

6 musikdieb.de » Linkübersicht (26.10.2007, 15:18 Uhr)

[…] Copyfarleft und Copyjustright bei Keimform.de. SEHR interessant. Via Oly 2.0 […]

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