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André Gorz ist tot

André GorzHeute wurde der Philosoph André Gorz zusammen mit seiner Frau Dorine tot aufgefunden. Sie lagen Seite an Seite, sie haben sich gemeinsam das Leben genommen. Dorine war schwer krank, André ist mit ihr gegangen. Mit »Brief an D.« hatte André eine späte Liebeserklärung an seine Frau verfasst, die kürzlich auch auf deutsch erschienen ist. Darin heißt es: »Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen.«

André Gorz war (auch) ein Keimform-Theoretiker. Mit Begeisterung hat er das Aufkommen der Freien Softwarebewegung beobachtet und theoretisch reflektiert. Zur 3. Oekonux-Konferenz schrieb André, der einer Einladung nicht mehr folgen konnte:

»Leute, deren Kompetenzen das Kapital absolut braucht, erbringen auf höchstem technischen Niveau den Beweis, dass die für die Produktion von Wissen adäquateste und effektivste Produktionsweise den kapitalistischen Produktionsverhältnissen in allen Punkten widerspricht. Sie zeigt die praktischen Vorteile gesellschaftlicher Verhältnisse jenseits von Arbeit, Ware und Wert; die praktisch erfahrbare Möglichkeit derartiger Verhältnisse; die unerträgliche Beschränkung, die der Verwertungszwang der Entfaltung des menschlichen Potentials aufzwingt; und schliesslich die Möglichkeit, die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse auf einem für den Kapitalismus strategisch wichtigen Gebiet zu stören und zu destabilisieren.« (src)

Als im Vorfeld der Konferenz klar wurde, dass André nicht mehr reisen kann, begannen wir einen Briefkontakt, der fast vier Jahre andauerte — und nun nicht mehr weitergehen kann. Dabei war André immer neugierig, was und wie wir diskutierten, welche neuen Entwicklungen es gibt, was ich dazu sage. Er wandte sich der Wertkritik zu, war dabei besonders an jenen Punkten interessiert, die praktische Ankünfungspunkte boten — Keimformen eben. André hätte im Keinform-Blog schreiben können.

Mehr:

Ein sehr schöner Beitrag in der Sendung »Kulturzeit«: Video und Text.

Ein freundlicher Artikel in der »Zeit«.

[Update]

Das genaue Datum, an dem sich André und Dorine entschieden aus dem Leben zu gehen, scheint unklar. In vielen Sprachversionen der Wikipedia wird der Tag ihres Auffindens, 24.9.2007, als Todestag angegeben. Dies trifft jedoch nicht zu, es war bereits der 22.9.2007, wie eine entsprechende Mitteilung des Beerdigungsinstituts in Frankreich belegt (zum Vergrößern klicken):

Anzeige zum Tod von André und Dorine Gorz des Beerdigungsinstituts Pompes Funèbres Générales Troyes, Frankreich

Weitere Quelle zum Todestag: TimesOnline

Kategorien: Praxis-Reflexionen

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24. September 2007, 21:28 Uhr   6 Kommentare

1 keimform.de » André Gorz aus dem Nachlass (25.11.2007, 13:40 Uhr)

[…] Gorz, zu dessen kürzlichen Tod Stefan ja schon einen Beitrag schrieb, hatte einen langjährigen Briefwechsel mit Franz Schandel und Andreas Exner von den […]

2 Mutti666 (21.01.2008, 03:11 Uhr)

Ich kenne leider nicht seine Werke, aber er hat eine Entscheidung getroffen mit seiner Frau. Diese muss respektiert werden. Sie haben einen Eid geleistet und danach gehandelt.
Zusammen bleiben..

3 Maya S Welten - Art in Dialog (18.03.2009, 09:13 Uhr)

[…] André Gorz war (auch) ein Keimform-Theoretiker. Mit Begeisterung hat er das Aufkommen der Freien Softwarebewegung beobachtet und theoretisch reflektiert. Zur 3. Oekonux-Konferenz schrieb André, der einer Einladung nicht mehr folgen konnte:” ….weiterlesen: […]

4 André Gorz: Auswege aus dem Kapitalismus — keimform.de (30.06.2009, 21:23 Uhr)

[…] vor seinem Freitod hat André Gorz ein Buch zusammengestellt, das kürzlich erschienen ist und als eine Botschaft […]

5 André Gorz: Auswege aus dem Kapitalismus >> taz, André, Gorz, Ausweg, Freien, Beitrag, Arbeit, Software >> Womblog [Worte oder mehr] (04.07.2009, 15:13 Uhr)

[…] Stefan Mz | keimform.de | – Kurz vor seinem Freitod hat André Gorz ein Buch zusammengestellt, das kürzlich erschienen ist und als eine Botschaft […]

6 Erinnerung an André Gorz — keimform.de (22.11.2012, 06:45 Uhr)

[…] fünf Jahren starb der Philosoph André Gorz. Der folgende Artikel aus der Berliner Debatte Initial Nr. 3/2012 erinnert an Leben und Werk. Er […]

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