Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Selbstentfaltungs-Großversuch

Thomas Kalka meinte einmal in geselliger Runde zu mir, man sollte mal einen Selbstentfaltungs-Großversuch machen: Alle legen zusammen und einer wird alimentiert und dann schaut man was passiert. Wird sich am Ende das Selbstentfaltungs-Bedürfnis durchsetzen oder passiert das, was viele Leute immer befürchten: der Alimentierte füttert sich einfach auf Kosten der Anderen durch und nutzt sie aus.

Nun, ich glaube das gibt es schon und nennt sich Lotto.

Fast hätte ich ja diesmal selber Lotto gespielt bei dem Jackpot-Wahnsinn, der durchs Lande strich. Ich hab mich nochmal beherrschen können. Dennoch finde ich Geschichten von Lottogewinnern immer sehr spannend für unsere Frage. Plötzlich sind ganz normale Menschen in der Situation nicht mehr arbeiten zu müssen. Wie reagieren sie? Kommt dann die große Selbstentfaltung? Oder ist das Wertgesetz schon so tief in den Menschen drinnen, dass sie dann erst recht zum Monster werden? Es gab wohl mal einen Dokumentarfilm, der Lottogewinner begleitet hat und die sind wohl alle unglücklich geworden. Ich hab den Film aber nie gesehen, jemand von euch? Drei interessante Geschichten dazu hab ich ansonsten gefunden.

Als erstes natürlich der aktuelle Fall des Krankenpflegers, der „so wenig wie möglich ändern will“. Mit drei Kindern und einem sicher nicht üppigen Krankenpflegergehalt finde ich das schon eine ziemlich erstaunliche Äußerung. Selbstentfaltung trotz Lohnarbeit oder bloß protestantische Pflichtethik? Beides ist wohl oft näher beieinander als es mancher hier wahrhaben will.

Dann einen Fall, den ich im Blog „Emanzipation oder Barbarei“ gefunden habe: Jemand macht eine Firma auf und hat hinterher weniger Geld als vor dem Lottogewinn. Der Autor hält das wohl für einen Fall von protestantischer Arbeitsethik, ich bin mir nicht so sicher, vielleicht war es ja sein innerstes Bedürfnis diese Firma aufzumachen?

Als letztes dann noch einen erstaunlichen Fall, in dem jemand seinem Chef das Geld gegeben hat um seinen Arbeitsplatz und die seiner Kollegen zu retten.

Kennt ihr noch mehr Storys? Oder ist das alles blos „Thema verfehlt“?

Kategorien: Arbeit & Freiheit

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11. Oktober 2006, 13:38 Uhr   9 Kommentare

1 Christian (11.10.2006, 14:16 Uhr)

Mit „Selbstentfaltung“ oder „innersten Bedürfnissen“ dürften alle diese Berichte sehr wenig zu tun haben – aus der Arbeitswahnlogik unserer Gesellschaft kann man sich halt kaum von heute auf morgen lösen, und eine Menge Geld in den Schoß geschmissen zu bekommen ist dafür offensichtlich nicht genug.

Im Übrigen dürfte das auch ein Fall selektiver Berichterstattung sein – wer als Lottogewinner beschließt, sich der Arbeitslogik zu entziehen und z.B. einfach nichts mehr zu tun (oder nur die Dinge, auf die sie/er grad Lust hat), wird vermutlich klug genug sein, da nicht so groß drüber zu reden, da sie weiß, dass sie damit heute primär auf Neid und Unverständnis stoßen würde…

2 snauth (11.10.2006, 19:25 Uhr)

Hab den Film vor ein paar Monaten im TV gesehen. Der war nicht schlecht gemacht. Ist aber auch ein gutes Thema: oft endet die Lottogeschichte ja mit dem Gewinn. Der Lottogewinn ist eben keine Existenzweise sondern vielmehr der Rachetraum der um den gesellschaftlichen Reichtum Gebrachten (frei nach Adorno).

Die 5-6 Faelle, die vorgestellt wurden, waren sehr verschieden, ein Satz tauchte trotzdem immer auf: „Geld macht nicht gluechlich, aber es beruhigt“. Diese Platitude verweist darauf, dass es eher die Angst vor der Armut ist, deren Wegfall genossen wird, als irgendwelche direkten positiven Entfaltungsmoeglichkeiten.

Ein anderes gemeinsames Motiv war das des Neides und der Missgunst der anderen, was einem natuerlich das Entfalten ganz schoen vermiesen kann. Das erklaert vielleicht auch diese Leute, die so ganz besonders bescheiden tun.

Und schliesslich war da noch so ein Typ von einer Lottozentrale, der viele launige Geschichten erzaehlte. Die handelten oft davon, dass viele dem Reichtum aus einem ganz einfachen Grund nicht gewachsen sind: viel Geld zu haben ist halt auch eine Arbeit, die erlernt sein will. Und man braucht einen Stuetzapparat von Leuten und Institutionen, die einem dabei helfen. Da die meisten Reichen reich geboren werden, verfuegen sie ueber all das und die Lottoproleten eben nicht.

P.S.: Christians Vermutung traf uebrigens zu, die Filmemacher berichteten davon, dass es sehr schwer war ueberhaupt LottogewinnerInnen zu finden, die bereit waren sich oeffentlich zu aeussern.

3 Juli (12.10.2006, 00:02 Uhr)

@benni
Gerade die Beispiele eins und drei finde ich recht spannend. Bei zwei mag es sein das du recht hast, dass der Mensch sich einfach nur einen Traum erfüllen wollte. Was auch immer „innere Bedürfnisse“ sein sollen: das Bedürfnis, Arbeitsplätze zu retten oder eine Firma zu gründen ist auf jeden Fall ein spezifisch kapitalistisches Bedürfnis. Ich würde nicht davon ausgehen, das da eine Art innere Bestimmung zum Vorschein kommt. Aber ich weiß auch nicht, ob du das sagen wolltest.

4 Thomas Kalka (12.10.2006, 09:02 Uhr)

Einzeln neue Strukturen aufzubauen setzt Alimentierung und Einsicht voraus. Die Warhscheinlichkeit, dass beides zusammentrifft ist nicht so groß.

Einige Wenige Unternehmungen, die ich kenne und als „Keimformen“ bzw Beispiele progressiv menschwürdiger Strukturen schätze, exisitieren mehr oder weniger, weil es Menschen am Rande gab, die Teil ihrer Alimentierung in diese Projekte steckten.

Ich fände nach wie vor ein „Großversuch“ mit öffentlicher Beteiligung sehr sinnvoll.
Das ganze müsste wohl aber zumindest die Größe eines Dorfes haben.

5 benni (12.10.2006, 11:09 Uhr)

@juli: kann man das denn so trennen, was ein „spezifisch kapitalistisches Bedürfnis“ ist und was nicht? Viele Bedürfnisse (die meisten) kann man im Kapitalismus eben nur erfüllen wenn man das wertförmig macht. Man kommt eben nicht drumrum Kompromisse zu machen. In diesem Sinn ist doch ein Lottogewinn schon ein Stück Handlungsfreiheit. Aber das kann Stefan mittels kritischer Psychologie bestimmt am Besten aufdröseln.

@Thomas: Meinst Du, dass ein Dorf einen Menschen alimentiert, oder dass ein ganzes Dorf alimentiert wird? Letztere Idee kam letztens schon auf in Bezug zum globalen Grundeinkommen. Die Idee war, dass man einem Dorf in einem Entwicklungsland das Grundeinkommen finanziert.

Erstaunlich nah beieinander Lottogewinn und Grundeinkommen 😉

6 Hans Ley (17.10.2006, 04:37 Uhr)

In der anthroposophischen Szene gibt es einen solchen Versuch. Es gibt sogar eine Website dazu

http://www.kauft-prochnow-frei.de/

7 Rainer Köppl (17.10.2006, 08:45 Uhr)

hi
ich hab auch schon mal so einen Versuch gestartet
siehe „openlife“
http://coforum.de/index.php?1104
die Unterstützungarbeit ist weitgehend bei mir selber hängengeblieben.
Der Unterstützte ist heute schriftsteller und wertkritiker
(obs was bringt ?)

ency
für die Diskussion und zusammenführung der Aktivitäten
empfehle ich http://www.ency.de/logic.php
ency

8 benni (17.10.2006, 13:05 Uhr)

Interessanter Link, Hans.

Was auffällt: Die Initiative scheint eingeschlafen zu sein, der letzte Eintrag in „Aktuelles“ ist schon über ein Jahr alt. Was ausserdem auffällt: Das Ganze hat mehr den Charackter eines kollektiv finanzierten Stipendiums, da die Qualitäten des Alimentierten lange und breit dargestellt werden. Es soll sich also schon irgendwie „lohnen“, so der Eindruck.

9 Christian (31.12.2006, 11:01 Uhr)

Hier mal wieder ein Beleg für die These, dass viel Geld zu haben v.a. die positive Wirkung hat, dass man sich um Geld keine Sorgen mehr machen muss – sprich, es beruhigt:

„Meine Frau ist seit 46 Jahren mein großes Glück“, sagte der neue Multimillionär [der fünf Millionen Euro gewonnen hat], „glücklicher kann ich auch mit dem Gewinn nicht werden. Aber das Geld wird mich beruhigen.“

(aus Spiegel Online)

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