Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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(Künstliche) Knappheit mal anders

Eine Million Schuhe herzustellen erfordert sicherlich einiges an Aufwand in Form von Ressourcen und Arbeitszeit. Die Leute die das in China herstellen mussten haben das sicher unter gruseligen Arbeitsbedingungen getan. Hier wird uns das Ganze als „Fahndungserfolg“ verkauft … und die Schuhe wandern in den Schredder und werden verbrannt. Was für eine unglaubliche Verschwendung und das angesichts von Millionen Menschen, die sich keine Schuhe leisten können!

Frauke meinte, sie sollten doch wenigstens einfach einen „Gefälscht“-Aufkleber draufmachen. Wahrscheinlich wären sie dann noch doppelt soviel wert, weil besonders speziell und cool.

Kategorien: Reichtum & Knappheit

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14. November 2006, 22:03 Uhr   4 Kommentare

1 ibu (15.11.2006, 21:15 Uhr)

Hatte ich in der Tagesschau gesehen. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass das einige Millionen ZuschauerInnen nicht auch als unglaubliche Verschwendung sehen. Andererseits wäre das Propaganda gegen das [whatever]-System. Also entweder befinde ich mich a) in einer anderen Realität, oder b) das *-System hat einen Fehler. – Oder aber c) die Nachricht gehört zum wohldosierten Identifikationsangebot für Unzufriedene (mit integrativer Absicht).
a, b oder c ?

2 benni (16.11.2006, 10:58 Uhr)

a,b und c klingen alle etwas Verschwörungstheoretisch. Es gibt da ja nicht die zentrale Instanz, die jetzt dafür sorgt, dass sowas prominent in den Medien aufscheint. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von Akteuren mit durchaus ganz unterschiedlichen Interessen. Die Polizei z.B. will vielleicht wirklich nur mit einem „Fahndungserfolg“ angeben. Dass das als solcher überhaupt wahrgenommen wird liegt womöglich an irgendwelchen WTO-Abkommen zu Produktpiraterie (kenn mich da aber nicht aus) und dass diese wiederum zustande kamen liegt am Druck der Markenhersteller, die ihr Image ungestört vermarkten wollen. usw.usw.

3 ibu (16.11.2006, 22:34 Uhr)

Ja. Aber ist es auch verschwörungstheoretisch, wenn es eine Art ‚unsichtbare Hand‘ gibt (ist nicht nur ökonomisch gemeint), die nicht einer zentralen Instanz gehört, sondern jeder/m von uns? Einen Mechanismus also, der qua Kommunikation/Interaktion eine Kohärenz (Gesellschaft, Kultur, Realität) schafft, die einerseits normierend wirkt und andererseits den Mechanismus reproduziert? (Ich nenne diesen Mechanismus System.)

Nach meiner Beobachtung ist das gegenwärtige System totalitär, d.h. es lässt nichts anderes zu, sondern unterdrückt alles, was sich dem Normierungszwang (ausserhalb tolerierter Grenzen) entgegenstellt. (Z.B. wird alles zur Ware gemacht; gelingt aber nicht vollständig.)

Zurück zum Thema: Die an dem zum Bild gemachten (imaginierten) Konflikt beteiligten Akteure sind die Bösewichte in China und die Gesetzeshüter in Deutschland. Der Konflikt ist ein gewöhnlicher innerkapitalistischer und wird als Spektakel inszeniert, das nicht dazu gemacht ist (Intention des Systems, via Medien-Konkurrenz hier exekutiert von den Chefredaktionen), dass die ZuschauerInnen sich von ihrer entfremdeten BeobachterInnenrolle emanzipieren. Was den Fall hier so spannend macht, ist dass die/wir ZuschauerInnen teilweise noch so viel ‚gesunden‘ ‚Menschenverstand‘ besitzen, die Normierung (Vernichtung der Schuhe) durch Zoll/Polizei abzulehnen. Dabei handelt es sich nicht einfach um die Parteinahme für eine Seite, wie etwa beim Beobachten einer Talkshow, sondern es ist ein direkter Bezug zu den Schuhen da, und damit die Tendenz zur Verwirklichung der Ablehnung. (Dass die Schuhe selbst die entfremdende Form von Waren haben, spielt in dem Moment noch keine Rolle.)

Meine Fragen lauten also:
1) Inwieweit existiert der ‚gesunde‘ ‚Menschenverstand‘ („unglaubliche Verschwendung“)? (a b/c)
2) Wo er existiert: Inwieweit gibt es die Tendenz zur Verwirklichung der Ablehnung? (b c)

Übersetzen ist schwer, aber mensch lernt dabei 🙂

4 benni (20.11.2006, 07:50 Uhr)

Also ich kann berichten von Reaktionen von Leuten, die die Verschwendung schon gesehen haben, aber es trotzdem ok finden (oder zumindestens keine andere Vorstellung entwickeln können), weil ja Markenrechte eben geschützt werden müssen.

Ansonsten wird das wohl sehr unterscheidlich sein.

Es ist doch auch offensichtlich das „das System“ (wie Du es nennst) immer wieder Ereignisse produziert, die seine Widersprüchlichkeit für Sehende offensichtlich machen. Und klar, viele verschliessen einfach die Augen und manche gucken doch. Letztere müssen deswegen noch kein geschlossen systemkritisches Weltbild haben (ob das überhaupt wünschenswert ist, ist ne andere Frage…).

Das beantwortet Deine Frage sicher immer noch nicht, aber so ganz ist mir immer noch nicht klar worauf Du hinaus willst.

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