Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Interview mit Jaron Lanier im Spiegel

Der Spiegel hat (für zwei Wochen kostenlos) ein Interview mit Jaron_Lanier im Netz, mit kritischen Bemerkungen zur „Weisheit der Massen“:

Lanier: Die schlimmste ist der Glaube an die sogenannte Weisheit der Massen, die im Internet ihre Vollendung finde.

… Mir bereitet die Vision Sorgen, nur das große Ganze, das Kollektiv sei real und wichtig – nicht aber der einzelne Mensch. Das war der Fehler in allen totalitären Ideologien, vom Nazi-Regime über Pol Pot bis zu den Islamisten.
… Schnell wird der Einzelne Opfer des Mobs; die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen.

Bemerkenswert finde ich Laniers Idee von „Digitaler Eingeschlossenheit:“ :

Leider durchlaufen digitale Strukturen, im Gegensatz zur menschlichen Kultur, keine Evolution. Sie werden gleichsam eingeschlossen.

Nehmen Sie die Geschichte von Midi. Das ist ein technischer Standard, wie der Computer Musik beschreibt. Den hat vor 25 Jahren mein Freund Dave Smith entwickelt, als Wochenendprojekt, gedacht dafür, zwei Synthesizer miteinander zu verbinden. Aber wie es so geht, wurde es der universale Standard für musikalische Klänge. Der steckt auch in Ihren Handys und lässt sie klingeln. Praktisch jeder Musiker findet Midi unangemessen, es gab endlose Kongresse, die es überarbeiten wollten. Aber das geht nun nicht mehr.

Midi ist einer der Gründe dafür, dass sich unsere Musik heute so mechanisch anhört: Club-Music, HipHop und so weiter – das ist genau das, was Midi gut kann. Viele meiner Kollegen in der Computerwelt wollen die antievolutionären Eigenschaften digitaler Techniken nicht wahrhaben. Sie erliegen dem Trugschluss, Computersysteme entwickelten sich und Software würde besser und besser.

Seine Ideen das ganze besser zu machen scheinen mir allerdings kaum Richtungsweisend:

Ich würde eine Technik erfinden, wie man im Internet unmittelbar mit Inhalten Geld einnehmen kann. Das wäre für viele Menschen der Anreiz, anspruchsvolle Dinge im Internet zu veranstalten und zu veröffentlichen. Sofort gäbe es eine Fülle unterschiedlichster ernstzunehmender Stimmen – und dem Kollektivismus wäre die Grundlage entzogen.

Einen weiterer Kommentar dazu findet sich auch bei commonspage.

Kategorien: Feindbeobachtung

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17. November 2006, 09:40 Uhr   2 Kommentare

1 benni (17.11.2006, 16:58 Uhr)

Es geht doch bei Wikipedia/freiem Wissen/freier Software/… nicht darum einem Kollektivwahn zu frönen. Vielmehr geht es darum gleichzeitig gemeinsam und individuell zu sein. Und zwar beides mehr als vorher. Für einen Hardcore-Liberalen wie den muß das dann natürlich nach PolPot (Hallo, gehts noch???) aussehen. Umgekehrt würde es wohl für PolPot nach unerträglichem (und auszumerzendem) Individualismus aussehen. So falsch kanns also nicht sein.

2 Christian (17.11.2006, 17:37 Uhr)

Ja, Lanier glaubt auf die Wikipedia einzuschlagen, aber tatsächlich schlägt er auf ein Zerrbild der Wikipedia ein, dass mit der realen Wikipedia bestenfalls sehr wenig zu tun hat. Das ist schade, denn der eine oder andere der Punkte die er anspricht, hat natürlich seine Berechtigung – etwa wenn er darauf hinweist, dass im heutigen Modell einzelne (wie Google, Youtube, oder Amazon) von den Beiträgen anderer gewaltig profitieren. (Wobei seine Antwort mit dem Ideal der vielen vielen kapitalistischen Kleinstunternehmer, die er der Realität der Marktgiganten entgegen setzt, natürlich nur zeigt, dass er keine Ahnung hat, wie Kapitalismus funktioniert.)

Dass einzelne seiner Argumente berechtigt sind, ist allerdings auch nicht weiter überraschend – in jeder hinreichend großen Menge Unsinn steckt eben irgendwo immer auch ein Körnchen Wahrheit.

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